GENERATION XYZ

Erst vor kurzem setzte sich Herr Dr. Hurrelmann (Mitautor des Buches „Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert“.) mit unserem Chefredakteur Enrico Strehlow zusammen, um über das Buch und das darin vorherrschende Thema zu diskutieren: Die Generation Y – kurzum es ging um uns!

 

C&D: Ihr Buch befasst sich mit unserer Generation Y, der Generation der Fragen, wie Sie uns auch bezeichnen und hierfür teilen Sie uns ja in 4 Bereiche oder Gruppen ein, können Sie uns diese Einteilung genauer erläutern?

Dr.Hurrelmann: Der Jornalist Erik Albrecht und ich, die Autoren des Buches, wir teilen sie natürlich nicht wirklich auf, sondern schauen in vier oder eigentlich sogar fünf große Lebensbereiche hinein, also Bildung, soziales Umfeld, Beruf, Medien und auch die Gesundheit und fragen uns dabei, wie geht Ihre Generation mit diesen Lebensbereichen um und was wird ihre Generation verändern oder ob sie eben nichts verändern wird, wie viele vermuteten.

Das war die Generalthese, mit der wir das ganze starteten, die meisten Wissenschaftler und Zeitbeobachter der Generation gehen davon aus, dass diese Generation nichts verändern wird, da sie einfach viel zu angepasst wäre und wir haben nun versucht durch verschiedene Jugendstudien, wie zum Beispiel der Shell Jugendstudie und vielen anderen, auch internationalen Untersuchungen und Studien zu sehen, wie es wirklich ist und wir stellten fest, dass diese These definitiv nicht stimmt und dass diese Generation definitiv Veränderungen bringen wird.

C&D: Das zu hören freut mich als Teil der Generation ganz besonders, denn das heißt, dass wir mal nicht nur als faule oder desinteressierte Jugend bezeichnet werden.

Ein weiterer interessanter Punkt in ihrem Buch ist es, wie sie die verschiedenen Typen oder Gruppen innerhalb der Generation beschreiben, denn sie erwähnt, dass es zu allgemein wäre allen die gleichen Eigenschaften zuzuschreiben.

Bitte erklären sie uns, wie genau sie diese Einteilung vorgenommen haben.

Dr.Hurrelmann: Das stammt aus den Shell Jugendstudien, dort fällt seit einiger Zeit auf, dass eine sehr hohe Leistungsmotivation herrscht, also ein Streben nach hohen Schulabschlüssen zum Beispiel und das ist einer der ersten Punkte der Ihre Generation besonders ausmacht, da viele von ihnen eben in der Zeit 2000 bis 2010 aufwuchsen, in einer Zeit, in der man als junge Frau oder als junger Mann nicht unbedingt sicher sein konnte einen Ausbildungsplatz finden zu können, denn fast ein Drittel der jungen Menschen hatte diese Chancen objektiv gesehen nicht, dazu kamen noch die Finanz- und Eurokrise, was dazu führte, dass fast 60 Prozent erfolgreich reagiert haben und ihre Bildungsanstrengungen deutlich erhöht haben um auf jeden Fall einen vernünftigen Schullabschluss zu machen.

Allerdings sind die andern 40 Prozent eher nicht so erfolgreich gewesen, was zum großen Teil daran liegt, dass viele von ihnen aus Elternhäusern kamen, die sie entweder nicht richtig unterstützt haben oder sogar wirklich problematisch sind, wodurch sich die Persönlichkeit der Jugendlichen nicht zu richtig entwickeln konnte, wie man sich das in einer modernen Gesellschaft wünscht und Werte wie Flexibilität, Selbstsicherheit und Zuverlässigkeit nicht wirklich erlernen konnten.

Daran was die 60 Prozent eben schaffen, scheitern die 40 Prozent dann leider oftmals und daran kann man dann Zukunftsperspektiven ablesen und da sagten wir dann in den Jugendstudien, dass es die 30 % der pragmatischen Macherinnen und Macher gibt, dann die Idealisten mit sozialen Engagement mit auch nochmal 30%, diese ersten beiden Gruppen bestehen überwiegend aus Frauen und bei den letzten 40% sind dabei vor allem Männer vertreten.

Es gibt also durchaus verschiedene Typen innerhalb der Generation mit anderen Voraussetzungen, die sie mitbringen was dazu führt, dass es nun mal leider auch Verlierer gibt, da die allgemeinen Anforderungen immer weiter angezogen werden, angetrieben von den Leistungsstärksten der Generation.

C&D: Das ist schade aber leider logisch.

Sehen sie denn eine Gefahr in dieser Entwicklung?

Dr.Hurrelmann: Es herrscht ein ganz schöner Druck auf den Jugendlichen, denn die jungen Leute wissen, sie müssen eine ganze Menge Mindestvoraussetzungen erwerben und alle ahnen bereits, dass wir in einer Gesellschaft leben mit einem hohen Maß an Kompetenzen die man mitbringen muss, wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Co und das zeigt sehr deutlich, dass wenn man einmal unter dieses Level fällt, es wirklich problematisch wird zum Beispiel einen Bewerbungsplatz zu finden.

Heute ist es also definitiv schwieriger, als vor 20 Jahren leistungsmäßig auf dem Niveau zu bleiben und das gilt auch gesundheitlich.

Die Gruppe der schlecht Vorbereiteten ist vielleicht nicht größer aber stärker dadurch benachteiligt nicht so stark angepasst zu sein.

C&D: Das kann man als Schüler auch nur unterschreiben.

Es gibt laut ihrem Buch auch noch eine Gruppe von Jugendlichen, die eher eine Mittelschicht bilden, also weder besonders engagiert noch besonders faul in der Schule sind.

Dr.Hurrelmann: Das sind die circa 20% Frauen und Männer, die mit ach und krach die Schullaufbahn geschafft haben und in der Krisenzeit echte Schwierigkeiten hatten, in die Berufswelt einsteigen zu können, aber mittlerweile sieht es so aus als wären diese Schwierigkeiten nicht mehr so stark, denn Unternehmen beginnen sich für diese Menschen u interessieren, denn die Voraussetzungen zum Arbeiten sind trotz allem ausreichend gegeben, echte Probleme haben noch immer die 20 % der wirklich schwachen Schicht, die nie so ganz in die Berufsfeld finden.

Da wird noch eine gewisse Bringschuld des ganzen Systems bestehen bleiben, denn diese Menschen müssen bereits in der Schule besser integriert und gefördert werden, damit sie später überhaupt eine Chance auf einen Schulabschluss haben.

C&D: Also scheitert es eher auf schulischer Seite, weil nicht genug auf die Schüler eingegangen wird, die Fächerwahl nicht breit genug aufgestellt ist und die Pflichtfächer nicht treffend genug vermittelt werden?

Dr.Hurrelmann: Genau das ist der Fall, denn das schulische Bildungssystem gehört auf alle Fälle in die Diskussion, denn es kann nicht akzeptiert werden, dass in einer modernen Gesellschaft, ein so hoher Anteil an Schülern es nicht schafft die Schule erfolgreich zu verlassen, denn das liegt nicht an den Jugendlichen sondern an einem pädagogischen und erzieherischen Defizit, an dem ganz klar gearbeitet werden muss.

Vor allem sind es Schüler die bereits in der Grundschule Probleme mit dem Einstieg haben und auch die familiären Probleme hindern die Schüler früh an der Entwicklung.

Um das zu verbessern muss vieles getan werden um die frühe Förderung zu stärken und die Schüler früh für die Schule zu begeistern.

C&D: Viele Experten sehen ja, das Internet als großes Problem bei der geistigen Entwicklung dieser Generation und führen dann im Sinne der digitalen Demenz an, dass wir Dank der Dienste wie Google und Wikipedia nicht mehr in der Lage wären uns selbst noch etwas zu merken.

Im Buch widersprechen sie dieser These ja ebenfalls, deswegen wäre es schön wenn sie uns das auch noch erklären könnten.

Dr.Hurrelmann: Diese Generation Y, wie sie genannt wird, ist die erste Generation, die mit digitalen Medien so selbstverständlich aufgewachsen ist und sich damit die digitale Welt zu umfangreich erschließen kann und sich deswegen ein Leben ohne Smartphone, Tablet, Facebook, Youtube und sonstiges vorstellen kann.

Doch auch hier spaltet sich die Generation den bei weitem nicht alle Jugendlichen sind Nutzer dieser digitalen Medien, klar ein großer Teil ist vor allem den älteren Menschen im Umgang mit ihnen deutlich überlegen doch dann gibt es eben wieder die schwächeren 20 Prozent, bei denen das Medium eher zur Ablenkung wird und das falsch verwendet wird.

Das ist eine sehr ungünstige Entwicklung aber eben nur bei diesen 20 Prozent, die anderen gehen durchaus gut damit um.

C&D: Sehen sie also eher Aufklärungsbedarf in der Schule bei diesem Thema?

Dr.Hurrelmann: Klar da besteht definitiv Bedarf, denn die modernen Medien müssen auf einer sinnvollen Weise im Unterricht eingebaut werden, der Umgang mit ihnen muss systematisch in der Grundschule bereits beigebracht werden, wie zum Beispiel das Zehn-Finger-Schreiben.

Auch die Recherche mit ihnen muss beigebracht werden, denn es ist zwar nicht mehr schwer etwas mittels Google zu finden, aber zu prüfen ob es verlässlich ist, das benötig eine gewisse Methodik und Kompetenz die von der Schule vermittelt werden muss.

Diese Medienkompetenz muss aber in jedem Fach vermittelt werden und nicht als extra Fach, denn das gleiche gilt ja bis heute für die gedruckten Medien also den Büchern und Fachtexten im Unterricht.

C&D: Also ist das Internet eher ein Werkzeug, als eine Gefahr?

Dr.Hurrelmann: Das könnte man so bezeichnen, auch wenn die Lehrer und Eltern noch immer scheu sind, da sie diese modernen Medien als nicht lehrreich sehen und sie daher aus dem Unterricht verbannen wollen. Das ist aber nicht nur nicht richtig sondern gefährlich falsch.

C&D: Unsere Generation wird im Buch des Öfteren als Egotaktiker bezeichnet, die sich sämtliche Optionen bereithalten, bis der perfekte Moment gekommen ist. Wie kamen sie darauf?

Dr.Hurrelmann: Die Generation ist sehr sensibel für politische und wirtschaftlichen Krisen aufgewachsen, hat die Angst im täglichen Leben früh kennen gelernt, auch durch die schrecklichen Dinge, die sich in letzter Zeit in der Welt und auch verstärkt in Europa zugetragen haben, denn das alles hat sie sehr früh geprägt und in ihrer Entwicklung beeinflusst, was dazu führt, dass die Generation weiß sie kann nicht mehr alles von Anfang an planen, das geht gar nicht mehr, denn dazu sind die Zeiten nicht sicher und zuverlässig genug.

Die Konsequenz daraus ist natürlich, dass man sich vermehrt auf sich selbst verlassen muss und dass man eine Sehnsucht entwickelt sich möglichst viele Optionen offen zu halten um besser reagieren zu können.

Dieses Egotaktieren ist absolut charakteristisch für diese Generation Y, was aber von vielen falsch verstanden wird und vor allem von älteren negativ bezeichnet wird, aber eigentlich für viele positive Veränderungen verantwortlich ist und das Schul- und Berufsleben verändert, da die Generation ihre eigenen Bedürfnisse mehr einbringen und auch das traditionelle politische Parteienleben zum Beispiel nachhaltig verändert, woraus dann unter anderen Parteien wie die Piraten mit einem neuen Konzept entstehen.

C&D: Kommt daher auch der Mangel an politischem Interesse bei Jugendlichen?

Dr.Hurrelmann: Themen spielen eine riesige Rolle, denn junge Leute gehen auch bei Wahlen themenbezogen vor, wobei die wichtigsten Themen derzeit Umwelt und Arbeitsperspektive sind.

So bringen Parteien wie die Piraten neue, spannende Konzepte mit, denn spannend war das Prinzip der direkten Anteilnahme in der politischen Willensbildung vor allem eben auch für diese Generation, denn das ist es was sie oft vermisst.

C&D: Das sieht man als Schüler selbst ähnlich, leider ging das Ganze dann aber schnell in die Brüche und das Prinzip wurde vernachlässigt. Wie sehen sie übrigens die ganzen jungen Startup-Unternehmen, die von vielen jungen Erwachsen gegründet werden?

Dr.Hurrelmann: Das finde ich auf jeden Fall absolut spannend und sehr toll, auch wenn Deutschland leider traditionell eher zurückhaltend ist. Diese Bewegung ist ein klares Zeichen dafür, dass junge Menschen eben nicht desinteressiert sind sondern mutig eigene Unternehmen gründen.

C&D: Und zum Abschluss noch ein kleiner Tipp an unsere Generation?

Dr.Hurrelmann: Immer wieder ihre Fähigkeiten zeigen und verbessern und immer wieder deutlich machen, dass es nichts egoistisches oder egozentrisches ist, die eigenen Bedürfnisse mit ins Berufsleben einzubringen, sondern notwendig um ein gesundes Arbeitsklima zu schaffen.

Was der Generation fehlt ist, dass die Anliegen, die die jungen Leute haben nur selten programmatisch vorgestellt werden, allerdings ist das auch eine markante Eigenschaft der Generation im Vergleich zu vorangegangenen aus, dass man eben keine großen Sprüche bringt, denn es ist offensichtlich wie schwer die Umsetzung werden kann.

C&D: Wir bedanken uns bei Ihnen für dieses tolle Gespräch und die vielen interessanten Informationen.

 

 

Das Buch „Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert“ ist im Beltz Verlag erschienen.9783407859761_1

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