ZUM LESEN UND ZUM HÖREN

Thomas Dellenbusch führt einen kleinen Verlag in der Nähe von Düsseldorf. Der KOPF-KINO VERLAG verfolgt aber konzeptionell etwas ganz Besonderes. Der Verlag hat sich auf Kurzromane in Spielfilmlänge spezialisiert und nimmt damit auch eine einzigartige Stellung am Markt ein.

 

Geboren aus der eigenen Leidenschaft, den Fernseher auch einmal auszulassen, um sich stattdessen gegenseitig auf dem Sofa einen Spielfilm vorzulesen.“ Erklärt Thomas Dellenbusch seine Idee, „Vollromane sind dafür zu lang. Sie sprengen den Abend. Kurzgeschichten füllen ihn nicht. Aber Kurzromane, so um die 100 Seiten, sind in zwei bis zweieinhalb Stunden zu lesen und eignen sich daher bestens für diesen Zweck. Außerdem sind sie ideal für unterwegs, beim Bahnfahren oder einfach so für zwischendurch.“ Aber damit nicht genug, denn Thomas hat dem Hörbücher in ähnlich gleicher Länge hinzugefügt und es gibt auch zahlreiche Werke in Englisch. Ein schlüssiges Konzept, fand auch Christine Westermann in ihrer Literatursendung „Bücher“. Also Zeit für Thomas Ziegler, Thomas Dellenbusch mal auf den Zahn zu fühlen.

 

C&D: Erzähl unseren Lesern bitte etwas über den KopfKino Verlag?

Der KopfKino-Verlag hat sich auf die Literaturform „Kurzroman“ spezialisiert. Es handelt sich um berührende, nachdenkliche oder auch spannende Geschichten in Spielfilmlänge. Ihre ungefähre Lesezeit liegt zwischen 60 und 180 Minuten. Sie eignen sich daher wunderbar für all die vielen kleinen zeitlichen Zwischenräume, die das Leben bereithält: für die Reisezeit in Bahn, Fernbus, Auto oder Flugzeug, für die Stunden in Wartezimmern, den längeren Aufenthalt beim Friseur, während der Dialyse, die Auszeit im Café, für den Nachmittag im Freibad oder am Strand, vor dem Schlafengehen oder einfach so für zwischendurch. Alles, um ein, zwei oder drei Stunden unterhaltsam zu füllen.

 

C&D: Erzähl unseren Lesern bitte etwas zum Entstehungsprozess des Verlages.

Die Idee dazu entsprang meiner eigenen Leidenschaft und der meiner Partnerin, den Fernseher einmal ausgeschaltet zu lassen und uns stattdessen auf dem Sofa gekuschelt gegenseitig aus Büchern vorzulesen. Wir stellten schnell fest, dass die Auswahl eines Buches gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Vollromane scheiden offensichtlich aus, denn sie sprengen den Abend. Die kriegst du an einem Abend nicht gelesen. Kurzgeschichten jedoch füllen den Abend nicht. Ich dachte mir, es müsste etwas dazwischen geben. Komplette abgeschlossene Geschichten, welche die Lesedauer eines normalen Spielfilms haben. Circa 90 bis maximal 180 Minuten. So entstand die Idee der heutigen Buch-Kollektion „KopfKino in Spielfilmlänge“. Nach dem Motto: Wenn es Geschichten zum Vorlesen (also in Spielfilmlänge) nicht so häufig gibt, schreibe und verlege ich sie halt selbst.

 

C&D: Wie bist Du anfangs vorgegangen?

Den Anstoß gab meine Schwägerin. Sie wurde 40 und wünschte sich zum Geburtstag von mir eine „Ostergeschichte“, da sie Ostern Geburtstag hat. Also schrieb ich ihr die Erzählung „Das Testament“, eine spannende Geschichte im Rom des Jahres 2010, in der sich fast alle Elemente der Ostergeschichte verstecken, Hinrichtung, Wiederauferstehung, ein leeres Grab und vieles mehr. Das war der Startschuss zu einer ganzen Reihe von Folge-Geschichten. Einer meiner besten Freunde ist bzw. war der Ehemann einer leider inzwischen verstorbenen Bestseller-Autorin. Er hat mich in den ersten Jahren eingeführt in all die erforderlichen Prozesse von Homepage-Programmierung bis hin zur Anmeldung bei der ISBN-Agentur, VLB und Veröffentlichungsprozessen. Die Arbeit mit Texten, sowohl als Autor, aber auch als Lektor, war für mich kein Problem, da ich seit fast 30 Jahren hauptberuflich mit Texten arbeite. Aber in das ganze Drumherum musste ich mich erst einfinden. Dabei hat mir dieser Freund sehr geholfen.

 

C&D: War es anfangs schwer das Konzept den Lesern nahe zu bringen, vor allem dem Buchhandel?

Das war nicht nur anfangs schwer, das ist es heute immer noch. Alle, die sich mit dem Buchmarkt auskennen, haben mir abgeraten. Lass die Finger von Kurzromanen. Die will der deutsche Leser nicht. Und tatsächlich: Es ist schwer, Menschen von Geschichten in Spielfilmlänge zu begeistern, egal wie gut sie sind. Es erinnert die Leute an Novellen, die sie zu ihrem Leidwesen in der Schule interpretieren mussten. Dabei übersehen sie meines Erachtens, dass sie das heute nicht mehr müssen. Heute dürfen sie sie einfach nur genießen.

 

C&D: Kalkuliert man ein solches Projekt überhaupt mit dem Buchhandel?

Ja. Alle KopfKino-Bücher sind im Verzeichnis lieferbarer Bücher eingetragen und können somit vom stationären Buchhandel bei mir bestellt werden, und zwar zum normalen Buchhandels-Rabatt. Obwohl die Taschenbücher nur 6,95 Euro und die Sammelbände nur 12,90 Euro kosten, so sind sie dennoch so kalkuliert, dass selbst ein Großhandelsrabatt finanzierbar wäre.

 

C&D: Wie siehst Du die allgemeine Buchmarkt Situation und die Chance mit einem Independent Werk sich zu behaupten?

Der Buchmarkt wandelt sich derzeit sehr schnell und radikal. Bekanntermaßen verlieren Buchhandel und Verlage Jahr für Jahr Marktanteile an Selfpublisher. Diese Alternative zur Buchveröffentlichung wird immer wichtiger. Als Leiter der Geschäftsstelle des Selfpublisher-Verbandes e.V. erlebe ich auf den großen Buchmessen, dass so ganz langsam der Buchhandel aufmerksam wird und sich zunehmend interessiert zeigt an Independent-Produktionen, um den Bedarf decken und sich selbst behaupten zu können. Das wird spannend in den nächsten Jahren.

 

C&D: Gerade bei den großen Zusammenschlüssen ist der Markt für Selfpublisher doch noch enger geworden, oder?

Im Gegenteil. Erklärte Politik der großen Publikumsverlage ist es, das gesamte Marketing-Budget in wenige Top-Titel zu stecken. All die für den jeweiligen Verlag schreibenden Autoren, die nicht Stephen King, Dan Brown oder Sebastian Fitzek heißen, gehen mehr oder weniger leer aus. Sie verdienen selbst als Verlagsautor oft auch nicht mehr als ein Selfpublisher. Das Schöne an letzterem ist ja, dass man völlig unabhängig ist. Der Anteil der Tantiemen an einem Buch ist in der Regel deutlich höher als bei einem Verlagsbuch. Ich kenne persönlich Selfpublisher, die verdienen mit ihren Büchern monatlich konstant fünfstellige Beträge. Da können die allermeisten Verlagsautoren nur von träumen. Dieser Markt wird zukünftig deutlich bedeutender werden als er heute schon ist. Ich selbst bin so eine Art Zwitterding. Auf der einen Seite veröffentliche ich meine eigenen Werke selbst, auf der anderen Seite aber auch Werke von derzeit acht weiteren Autoren, die mit Kurzromanen in Spielfilmlänge bei großen Publikumsverlagen auf taube Ohren stoßen.

 

C&D: Verliert eine „Kopfkino“- Geschichte für den Leser nicht das Besondere an einem Buch, das völlige Entfliehen von der Realität?

Nein, das tut es nicht. Das Entfliehen aus der Realität dauert halt nur nicht so lange wie bei einem 500-Seiten-Roman. Nach ungefähr zwei Stunden muss man sich von den Figuren wieder verabschieden. Ich glaube, das ist der Hauptgrund dafür, warum „der Deutsche“ diese Literaturgattung nicht mag. Komisch ist allerdings, dass „der Deutsche“ das fast jeden Tag dennoch genießt, wenn er im TV einen Spielfilm sieht. Auch dann muss er sich nach knapp zwei Stunden von den Figuren wieder verabschieden, aber das findet er trotzdem toll. Im angloamerikanischen Raum ist der Kurzroman übrigens wesentlich beliebter. Das ist auch der Grund dafür, warum drei meiner eigenen Werke in den USA ins Englische übersetzt wurden.

 

C&D: Was funktioniert nicht als Kopfkino- Geschichte?

Ich habe bei der Auswahl und Bewertung der mir eingesandten Manuskripte immer eine besondere Nagelprobe, um mir diese Frage selbst beantworten zu können. Stellen Sie sich eine kleine Freundesclique vor, die eine Woche lang mit Rucksäcken durch die Berge wandert von Hütte zu Hütte oder von Lagerplatz zu Lagerplatz. Am Abend sitzen sie am Lagerfeuer, die Zelte sind bereits aufgebaut. Und einer holt ein KopfKino-Buch aus dem Rucksack. Dann wird der darin enthaltene „Spielfilm“ reihum vorgelesen, und so „sehen“ alle am Lagerfeuer in ihrem Kopfkino auch ohne Fernseher einen Spielfilm, um den Tag unterhaltsam ausklingen zu lassen. Dieser Wandergruppe will ich abends am Lagerfeuer den ansonsten schönen Tag nicht mit Psychodramen, Grusel oder Horror versauen. Deswegen findet man diese Genres nicht im KopfKino-Verlag. Auch Erotik nehme ich nicht an, denn es ist vielen Menschen unangenehm, Erotik vorzulesen oder ihr zuzuhören. Diese imaginäre Wandergruppe ist stets meine Nagelprobe.

 

C&D: Wie promotest Du dieses Konzept?

Als Kleinstverlag sind natürlich nicht die Mittel vorhanden, ein großes Publikum mit Marketing zu erreichen. Aber im Rahmen meiner Möglichkeiten schalte ich schon Online-Werbung auf verschiedenen Portalen, ich nutze Social-Media-Plattformen, mache Live-Lesungen, arbeite mit vielen Bloggern zusammen und bin immer mal wieder in den Medien präsent. Highlight bisher: Ein Gastauftritt mit Interview in der Literatursendung „Bücher“ von Christine Westermann, vielen bekannt aus dem literarischen Quartett oder aus Zimmer frei mit Götz Alsmann.

 

C&D: Nun gibt es zahlreiche Titel aus Deinem Programm auch als Hörbuch. Wie kam die Idee dazu?

Es gibt alle Titel auch als Hörbuch. Der Grund dafür ist ganz einfach. Wenn ich KopfKino-Geschichten schon als Vorlesegeschichten anbiete, sollte es sie auch in einer vorgelesenen Fassung geben, oder nicht? Ich denke auch, dass das für einen Kleinverlag einzigartig in Deutschland ist, dass es die Geschichten in allen drei Formaten gibt: als eBook, als Hörbuch und die meisten auch als Taschenbuch.

 

C&D: Achtet man dabei auch auf die 2 Stunden-Regel?

Es gibt keine starre 2-Stunden-Regel. Das kürzeste KopfKino-Hörbuch ist 50 Minuten lang, das längste knapp 170 Minuten. Hauptsache in etwa Spiel- oder Fernsehfilmlänge. Die Sammelbände können natürlich auch bei 6 oder 7 Stunden landen. Und da ein guter Freund von mir ein professionelles Tonstudio besitzt, kann ich Hörbücher relativ preiswert produzieren. Das führt dazu, dass ich auch im Auftrag Hörbücher von Vollromanen produziere und verlege.

 

C&D: Welches Buch hast Du Dir als letztes selbst gekauft?

„Zu viel Glück“ von Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro. Das Witzige daran: Sie erhielt den Nobelpreis, obwohl sie in ihrem ganzen, über 80jährigen, Leben nie etwas anderes geschrieben hat als „KopfKino-Geschichten“, also Erzählungen in Spielfilmlänge.

 

C&D: Was möchtest Du unseren Lesern noch mitteilen?

Lasst mal den Fernseher aus und lest euch einen Spielfilm gegenseitig vor! Ungewohnt? Cool!

 

C&D: Wo kann man sich über Deinen Verlag informieren?

Die meisten Infos findet man natürlich auf www.MeinKopfKino.de

 

Vielen Dank

 

Erster Tipp aus der Redaktion: CHASE eine klasse Thriller-Serie, die Thomas Dellenbusch zudem als einen sehr feinfühligen Autor zeigt, vor allem einem mit dem Händchen, einen spannenden Krimi wirklich in Spielfilmlänge zu erzählen.

 

 

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