PUNK IM SAARLAND

Idyllisch in den Bergen gelegen findet sich St. Wendel an der Blies und westlich des Bosenbergs. In diesem kleinen Städtchen, dem Ursprung des Opernsängers Siegmund Nimsgern, findet sich ein kleines Label namens Kidnap Music, welches nun ins 19. Geschäftsjahr geht. Was einst als Vertriebsstätte der Band PASCOW begann, zählt heute weit über 40 Bands in ihrer Labelfamilie und hat unter dem Namen TANTE GUERILLA einen Onlinehandel und zwei eigene Ladengeschäfte in St. Wendel und Trier.

 

The story so far:

 

PV: Alex, erzähl uns bitte etwas über die Entstehungsgeschichte von Kidnap Music.

Alex: Im Grunde ist die Entstehungsgeschichte von Kidnap Music ähnlich wie bei vielen anderen Plattenfirmen im Punkbereich. Wir hatten mit Pascow erste Aufnahmen gemacht, niemand wollte sie veröffentlichen also haben wir es selbst getan. So gesehen war Kidnap Music auch in den ersten Jahren auch nur dazu da um Sachen von Pascow zu veröffentlichen und Party zu machen. Erst in den letzten 6-7 Jahren wurde aus dem Label dann zunehmend ein richtiges Label welches auch mit andern Bands und Künstlern professionell arbeitet.

 

PV: Wie kommt man in der heutigen Zeit auf die Idee, ein Label mit Schwerpunkt Vinyl zu gründen?
Alex: Zum einen sind wir natürlich selbst Vinylliebhaber, zum anderen denke ich, dass Vinyl das physische Format ist, das eine Zukunft hat. Die CD Verkäufe werden sicher immer weiter zurück gehen und neben Vinyl wird der Bereich des digitalen Musikvertriebs weiter zulegen. Somit sehen wir Vinyl und digital als gute Ergänzung.

 

PV: Wie waren die Reaktionen auf die erste Veröffentlichung?

Alex: Von Seiten der Hörer und Käufer waren die Reaktionen sehr gut und wir konnten von den ersten Veröffentlichungen gleich einiges verkaufen. Von Seiten der Medien im weitesten Sinne gab es praktisch keine Reaktionen. Zu Anfang liefen wir also vollends unter deren Radar. Ob das an unserem stümperhaften Auftreten lag oder der starken Skepsis gegenüber neuen Labels und Bands kann ich heute nicht mehr genau beurteilen. Es ist allerdings schon so, dass gewisse Strukturen auch Aufmerksamkeit schaffen. Sprich, wenn du bspw. einen ordentlichen Vertrieb hast, wirst du als Label sowohl von Bands als auch von der Presse eher wahrgenommen.

 

PV: Was findest Du besonders am Thema Vinyl?

Alex: Vinyl ist ein zeitloses Format für Musikliebhaber. Und das wird es auch bleiben, sollte der Vinyl Hype wieder vorbei sein. Ein Album als LP klingt besser oder zumindest anders, es sieht in der Regel schöner aus (schon allein wegen der Größe), es ist auch haptisch das schönste Format und es ist in der Handhabung und Nutzung ein ideales Gegengewicht zu den Hörgewohnheiten des Streamings. Hört man eine LP, ist man zunächst gezwungen die Platte aus der Hülle zu nehmen, den Schallplattenspieler einzuschalten und die Platte aufzulegen. Dann ist es mit mehr Aufwand verbunden einen Song zu überspringen wodurch ein Album als Vinyl in der Regel komplett oder „kompletter“ gehört wird als beim Streaming oder auf CD. Dadurch kann ein Album auch als Ganzes wirken wohingegen beim Streaming der einzelne Song viel größere Gewichtung hat. Und da der ganze Prozess des Plattenhörens mit Aufwand verbunden ist, wird eine Platte meist auch bewusster gehört. Wenn man beim Essen von Slow-Food spricht, so würde ich beim Vinyl von Slow-Music sprechen wollen, da es den Vorgang des Musikhörens definitiv entschleunigt.

 

PV: Ist man mit Vinylveröffentlichungen dichter am Produkt und entwickelt man mehr Liebe zur Musik?

Alex: Schwer zu sagen. Es ist nun mal so, dass die Herstellungskosten einfach sehr hoch sind. Dadurch ist man als Label in der Regel gezwungen auf Qualität etc. zu achten, da man ansonsten ganz schnell sehr viel Geld verlieren kann. Es ist zwar auch schade, dass man Musik dann immer auch unter den Gesichtspunkten von Verkaufserwartungen sehen muss, nichtsdestotrotz würde ich sagen, dass das finanzielle Risiko auch dazu führt, dass die Qualität hoch gehalten wird. Vor ca. 10-12 Jahren gab es mal eine Flut an zuweilen sehr lieblosen CD Veröffentlichungen, die dadurch ausgelöst wurde, dass die Herstellungskosten für CD Produktionen sehr günstig wurden. Es fiel dann zunehmend schwer gute Veröffentlichungen von „weniger“ guten zu unterscheiden.

 

PV: Glaubst Du der Markt ist schon bereit für ein Umdenken?

Alex: Das Umdenken des Marktes ist bereits seit Jahren voll im Gange und wahrscheinlich ist es sogar so, dass sich der Markt wieder etwas beruhigt, da Streaming sich etabliert hat und die meisten darauf reagiert haben. Physische Tonträger werden weniger werden, dafür werden diese hochwertiger, aufwendiger und sicher auch teurer.

 

PV: Nun gibt es ja das Problem der wenigen, übrig gebliebenen Presswerke. Erschwert das die Kreativität Deiner Arbeit?

Alex: Das würde ich schon sagen. Die Produktionszeiten für Vinyl liegen zeitweise bei mehr als 3 Monaten und das macht kurzfristige Veröffentlichungen praktisch unmöglich. Sicher würde es öfter mal eine Tour-Single oder ähnliches geben, wenn die Produktionen nicht dermaßen lange Zeit in Anspruch nehmen würden.

 

PV: Gibt es von Produkten aus Deinem Haus Fehlpressungen?

Alex: Es gab mal Kleinigkeiten, die schief gingen. Eine falsche Vinylfarbe oder auch mal falsche Etiketten. Aber das ist die absolute Ausnahme und wurde jedes Mal vom Presswerk problemlos ausgebessert.

 

PV: Wann können wir die erste Picture Disc erwarten?

Alex: Hach! Es gab schon mal eine Picture Disc: Und zwar wurde eine Story von Alex Gräbeldinger als Picture 7“ in ganz kleiner Auflage veröffentlicht. Ansonsten sind Picture Discs bei den meisten Musikern / Bands und Label nicht sonderlich beliebt, da sie meist schlechter klingen als reguläres Vinyl.

 

PV: Gibt es Deiner Meinung nach genug Läden, die sich mit Vinyl und vor allem mit Vinyl Newcomern befassen?

Alex: Von mir aus könnten es gerne ein paar mehr sein aber ich weiß auch wie schwierig es ist, sich mit Vinylverkäufen über Wasser zu halten. Die Online Konkurrenz ist einfach sehr stark und es gibt  nicht so viele Leute, die noch regelmäßig viele Platten kaufen. Und gerade diese Leute wissen meist auch ganz genau wo es welche Titel am günstigsten oder exklusivsten gibt. Von daher wird es für einen Laden nicht unbedingt einfacher.

 

PV: Was könnte Deiner Meinung nach die Nachfrage vergrößern und was den Umsatz?

Alex: Ich bin der Meinung, dass es sich lohnt ein Vinylalbum so auszustatten, dass es etwas Besonderes ist. Neben der Musik spreche ich hier von einem gelungenen Artwork, einer hochwertigen Verpackung, einem schönen Booklet und gerne auch mit einem zusätzlichen Gimmick, was auch immer das sein mag. Um sich vom Streaming abzuheben, sollte das Vinyl-Album einfach auch einen tatsächlichen Mehrwert haben. Dabei ist es meiner Meinung nach auch fast egal ob ein Album dann 15 oder 17 Euro kostet.

 

PV: Erste Künstler beginnen neben dem Vinyl auch wieder Kassetten zu veröffentlichen. Wie stehst Du zu dem Thema Kassetten?

Alex: Tapes sind für mich noch mehr Liebhaber- und Nischenprodukt als Vinyl. Zudem steckt noch etwas mehr Nostalgie drin. Ich kann verstehen, dass Leute darauf abfahren und es gibt auch ein paar wirklich gute Tape-Label, die schöne Veröffentlichungen raus bringen.

 

PV: Sammelst Du selbst Vinyl?

Alex: Ich kaufe und höre Vinyl, würde mich allerdings selbst nicht als Sammler bezeichnen, da ich mich nicht auf die Suche nach raren Platten mache und meist keine Ahnung habe wie viel eine vermeintlich seltene Platte wirklich wert ist. Sprich, ich kaufe LPs rein wegen der Musik oder der Aufmachung und nicht wegen ihres Sammlerwertes.

 

PV: Was war Deine erste Schallplatte?
Alex: Meine erste selbst gekaufte LP war EUROPE: THE FINAL COUNTDOWN. Ich habe die Platte natürlich immer noch.

 

PV: Was ist Deine Lieblingsschallplatte die nicht aus Deinem eigenen Katalog kommt?

Alex: Das ändert sich immer mal wieder. Erlaube mir ein paar All-Time-Favorites zu nennen: The Smiths – The Queen Is Dead; Ramones – same; Leatherface – Mush; Gallows – Grey Britain; Dackelblut – Schützen & Fördern

 

PV: Kannst Du Dir ein Leben ohne Vinyl vorstellen?

Alex: Natürlich! Vinyl ist super aber sicher nicht lebenswichtig.

 

PV: Welche Band würdest Du gerne auf Vinyl veröffentlichen?

Alex: Ich hätte gerne was von Terrible Feelings veröffentlicht.

 

PV: Welche Band ist die unterbewerteste auf Kidnap Music?

Alex: NO°RD.

 

PV: Wonach suchst Du neue Bands für Dein Label aus?
Alex: Die Band muss mir / uns natürlich gefallen. Zudem sollte die Band eine eigene Idee davon haben was sie macht. Und natürlich muss ich mir auch die Frage stellen, ob auch andere die Begeisterung für diese Band / Musik teilen werden. Wenn nur ich und 2 Freunde die Platte gut finden, mag das lustig sein aber dann können wir es nicht veröffentlichen.

 

PV: Die Musik Deiner Bands ist sehr Punk-lastig, liegt hier Deine Leidenschaft?

Alex: Klar! Damit kenne ich mich am besten aus und hier kann ich das Potential einer Band auch am besten einschätzen. Trotzdem sind wir als Label auch „open-minded“ und veröffentlichen gerne auch Bands und Titel, die nicht aus unserem Kern-Genre stammen. Als Beispiel würde ich  den Mod-Kram von THE RIOTS nennen, den Power-Pop von FUZZY VOX oder die Noise Sachen von DECIBELLES.

 

PV: Erzähl uns bitte etwas zu dem anstehenden USA Geschäft.

Alex: Noch gibt es hier nicht viel zu erzählen, da noch nichts in trockenen Tüchern ist. Es geht aber darum eine paar unserer Veröffentlichungen auch in den USA zu veröffentlichen oder dahin zu lizenzieren.

 

PV: Warum bist Du noch nicht in England vertreten, wo es aktuell sehr viele Vinylveröffentlichungen gibt?

Alex: England folgt hier ganz eigenen Regeln und wir bräuchten hier einen starken Partner um uns wirklich aufstellen zu können.

 

PV: Was können wir im zweiten Halbjahr von Kidnap Music erwarten?

Alex: In diesem Jahr kommt noch das Album „No Landing Plan“ der eben genannten französischen Band „FUZZY VOX“.  Danach kommt noch eine Veröffentlichung einer neuen deutschen Band auf die ich mich freue wie schon seit Jahren nicht mehr. Aber ich will nichts Weiteres dazu verraten, da wir die Band auch etwas anders vorstellen wollen als gewöhnlich. Ja und danach geht es  mit großen Schritten auf das neue Album von The Baboon Show zu.

 

PV: Gibt es schon etwas Besonderes für 2018? (20 Jahre Kidnap Music)

Alex: Es stehen neue Alben von The Baboon Show, NO°RD und wahrscheinlich Pascow an. Somit würde ich hier von einem guten Jahr sprechen.

 

 

Wichtige Infos um Label und Shop:

 

www.kidnapmusic.de

https://tanteguerilla.com

http://www.thebaboonshow.de

https://pascow.org

https://de-de.facebook.com/nordpunk

https://decibelles.bandcamp.com

https://bluthirnschranke.bandcamp.com

 

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