WE CALL IT PUNK ROCK

Irgendwie wollen Bands immer wieder etwas Neues kreieren oder einen bestimmten Sound in die nächste Ebene führen. Klingt alles ziemlich strategisch, aber das Musikgeschäft ist eben nicht mehr das einfache „ich mache jetzt Musik, weil es mir Spaß macht“-Geschäft.

 

Umso erfrischender sind da immer wieder die Punkbands, die sich eine Gitarre umschnallen und dann 1-2-3-4 go, in die Saiten hauen. Aber diese Bands bilden leider immer wieder nur eine Ausnahme, aber umso erfrischender und ehrlicher sind sie. NO SUGAR sind eine solche Ausnahme. „Hollywood wird keine Revolution hervorbringen. Mackern und Sexismus im Alltag mal ein mutiges, verbales Bein stellen leider auch nicht unbedingt und mit knappen Slogans um sich werfen, das haben schon viele versucht. Bei No Sugar und ihrer Single „Time’s Up“, vom kommenden Album ‚Rock’n’Roll Isn’t Boring It’s You‘, wird trotzdem die knackige Ansage gemacht. Irgendwo muss es ja anfangen und No Sugar wollen mit dieser von Garagepop getragenen Kampfansage zumindest schonmal an der cis-männlichen Dominanz im Rock’n’Roll kratzen. Deren Zeit ist jetzt nämlich echt mal um.“, so die Aussage der Band, die bereits auf eine EP „Wasting time“ zurückblicken und nun mit „Rock`n roll isn`t boring, it`s you“ ihr Debüt vorlegen. 11 geile Tracks, die runtergerotzt werden und einem schön den Kopf verdrehen. So muss Punk klingen und nur so kann man heute auch noch von „Punk“ reden. Und reden wollte Musikchefin Nina unbedingt mit dieser Ausnahmeerscheinung und sprach mit Faye.

 

TO GO: Stellt Euch doch bitte unseren Lesern einmal vor. 

Faye: Wir  sind Nina, Flicke, Willer und Tim aus Kiel, Leipzig und Hamburg. Manchmal sind wir Faye Decay, Billy Bantam, Nina Nö und Timothy La Rouge. Seit knapp zwei Jahren machen wir zusammen als No Sugar Musik, vorher gab es diverse andere Punk und Indie-Bands in denen wir unterwegs waren, z.B. Stumbling Pins, Plastic Propaganda und No Weather Talks. Wir sind ziemlich froh uns gefunden zu haben. No Sugar hat sich zufällig und fast von selbst in Kiel zusammengefunden.

 

TO GO: Wie habt ihr Euren musikalischen Stil für Euch entdeckt?

Faye: Unser Stil sind eher viele Stile. Bei Nina und mir gab es den ausdrücklichen Wunsch unsere Liebe für  dreckige Garage Bands, Reverb und angepisste bis tanzbare queerfeministische Künstler und Künstlerinnen endlich mal zu vereinen. Mit Timothy und Willer hatte Nina schon den Plan ausgeheckt rotzige Punkstandards mit Indie und Rock zu mixen.

 

TO GO: Wie arbeitet Ihr zusammen, wenn Ihr in Leipzig und Kiel wohnt?

Faye: Wir trinken manchmal zusammen im Skypechat ein Gläschen Wein um Pläne zu beschnacken und versuchen regelmäßig Probewochenenden durchzuziehen. Ansonsten gibt es auch gerne mal Proben zu zweit oder dritt.

 

TO GO: Wie entstehen Songs bei Euch und wie sieht der musikalische Prozeß, vor einer Studiophase, aus?

Faye: Wahrscheinlich genau wie bei mindestens 50 % aller  Bands die ähnliches unternehmen wie wir: Irgendwer denkt sich er hat das Riff des Jahrhunderts entdeckt, kommt damit zur Probe und dann basteln alle ihren Senf da drumherum. Manchmal gibt es auch individuelle Hausaufgaben, wie z.B. ‚Willer, schreib da bis zum nächsten Mal bitte ein Intro Riff wie das eine von Creedence Clearwater und so.  Ein bisschen haben wir versucht bei unserem Debütalbum dramaturgisch alle Stimmungen, die wir in Musik mögen, mit einem Song abzudecken. Ein stumpfer Rocker, eine halbe Ballade, einen Schunkelsong, eine oder mehrere Kampfansagen. Im Studio wurden dann noch schöne kleine Geräusche, Percussions oder Klatscher eingestreut.

 

TO GO: Sind bei Euch erst die Texte da oder erst die Melodien?

Faye: Das ist von Song zu Song unterschiedlich. Manchmal braucht ein bestimmter Text einen bestimmten Sound und manchmal umgekehrt.

 

TO GO: Was liegt Euch textlich besonders am Herzen?

Faye: Schöne Metaphern zu finden. Wir benutzen gerne Referenzen an Essen und Drinks, auch wenn irgendwas über Pizza zu singen nichts wirklich Neues ist.  Aber da zum Beispiel gerade Pizza in der jüngeren Vergangenheit oft von überwiegend cis-männlich besetzten Punkbands in Artwork oder Songtexten abgefeiert wurde, dachten wir, im Song ‚Pizza Girl‘, dass es schön wäre Pizza mal für unsere, nicht-cis-männliche Perspektive sprechen zu lassen.

 

TO GO: Musikalisch erinnert Ihr mich oft an die SLITS. An wem orientiert Ihr Euch musikalisch?

Faye: Die Slits waren und sind Königinnen des Punks. Mehr Punk ging und geht nicht.

An wem sich sonst so orientiert wird, hängt immer davon ab, was gerade so bei uns persönlich musikalisch  läuft. Was aber immer geht ist 70s Rockklassiker, The Clash,  Joan Jett und The Runaways und all things Riot Grrrl.

 

TO GO: Wenn die Revolution nicht, wie Ihr sagt „in Hollywood gestartet wird“ ist es dann Leipzig und Kiel?

Faye: Im Prinzip schon, auch wenn ‚die Revolution‘ natürlich  eher aus vielen mini-kleinen Revolutionen und Widerständen im Alltag  besteht und in Kiel wie Leipzig oder sonst wo in Deutschland oft unsichtbar bleibt oder eben nicht vorhanden ist. In dem Song „Time’s Up“ geht es vor allem darum, dass Menschen die sich als FLINT (also Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary und Trans ) definieren,  sich leider nicht darauf verlassen können von den aktuellen größeren, medialen Kampagnen gegen Diskriminierung  auf Grund der Kategorie Geschlecht,  tatsächliche positive Auswirkungen auf ihren Alltag spüren zu können. Mehr Sichtbarkeit und mediale Verbreitung ist superwichtig, aber darüber sollten wir nicht die alltäglichen Probleme mit Sexismus und vor allem auch Transfeindichkeit  in unseren Szenen und Umfeldern vergessen.

 

TO GO: Was sind Eure dringendsten Anliegen?

Faye: Die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft nicht ganz zu vergessen, was nicht immer einfach ist. Mehr FLINT im Punk und Rock und vor allem auf der Bühne! In dem Zusammenhang ist es uns wichtig ein positives Beispiel für Grrrls jeglichen Genders zu sein, das es möglich ist, das zu machen worauf wir Bock haben. Da das alles langwierige Prozesse sind, lenken wir uns in der Zwischenzeit gerne mit Spaß an Rock’n’Roll Klischees ab, wie zum Beispiel zehn verschiedene Bühnenoutfits pro Show. Just kidding, schön wärs!

 

TO GO: Gibt es aus Eurer Sicht eine Veränderung von der EP zum Debütalbum?

Faye: Ich kann jetzt fünf Akkorde statt nur drei spielen. (lacht)

 

TO GO: Wer kümmert sich bei Euch um das Cover Artwork?

Faye: Unsere heimliche Managerin und talentierte Haus- und Hof-Fotografin Svetlana Grigorieva und unsere bandeigene Künstlerin Nina Nö.

 

TO GO: Bitte erzählt unseren Lesern etwas zum Cover vom Debütalbum.

Faye: Wenn es Zeitmaschinen gäbe, dann wäre das Foto unseres Covers ca. im Jahr 1973 auf einer Sleepover-Party in Ninas Schlafzimmer entstanden. Zum Glück schnarcht niemand in unserer Band, daher ist es gar nicht so unrealistisch, dass wir in einem Bett übernachten.

 

TO GO: Gerade beim Vinyl kommt das Cover natürlich den alten Punkcovern nahe. War das ein wenig Euer Ziel?

Faye: Na klaro.

 

TO GO: Wie seht Ihr den aktuellen Musikmarkt überhaupt?

Faye: Wer als Band nicht möglichst viel live spielt, hat quasi kaum eine Chance irgendwelche Kosten zu decken. Streaming ist King, dadurch ändert sich nach wie vor viel. Aber das ist ja mittlerweile eine altbekannte Geschichte. Es gibt zum Glück viele Bands und Labels, die sich nicht einschüchtern oder beirren lassen und ihr Ding einfach weiter durchziehen, weiter Vinyl und Tapes und Konzeptalben statt zehn Singles pro Jahr veröffentlichen.

 

TO GO: Warum habt Ihr keine Kassette veröffentlicht?

Faye: Dirt Cult Records aus den USA veröffentlicht unser Album auf Tape! Yay!

 

TO GO: Na das sind ja gute Nachrichten, gratuliere. Und welche Bedeutung hat Vinyl für Euch?

Faye: Ist auf jeden Fall wichtig, steht bei uns allen zuhause im Schrank und unangefochten das schönste Medium zum Musikhören.

 

TO GO: Warum sollen sich unsere Leser Eure Scheibe kaufen?

Faye: Weil sie hoffentlich ein paar Ohrwürmer hergibt und leicht mitsingbare Refrains hat.

 

TO GO: Gibt es noch etwas, was Ihr los werden wollt?

Faye: Rock’n’Roll, Hugs and Kisses.

 

 

Ich hoffe Euch bald live zu sehen und wünsche Euch viel Erfolg mit dem neuen Album. Die Band spielt im Oktober und November einige Gigs, aber leider nicht im Berliner Umland.
18.10. Hamburg, Übel & Gefährlich (+ Schrottgrenze)
19.10. Neumünster, AJZ
20.11. Kiel, Femme Rebellion Fest
21.11. Hannover, Femme Rebellion Fest
22.11. Bremen, Femme Rebellion Fest
23.11. Hamburg, Femme Rebellion Fest

 

 

 

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