REFUSED unzensiert

REFUSED hatten so viel zu erzählen, klar dass wir trotz 4-Seiten Story nicht alles unter bekommen konnten. Hier ist das vollständige Interview von Chefredakteurin Pauline Faust

 

Würde in deinem Leben

C&D: Ihr habt euch zweimal Mal aufgelöst, jetzt seid ihr das dritte Mal wieder zusammen. Was hat euch zurück gebracht?
Lyxzén: Um ehrlich zu sein, haben wir uns nur ein einziges Mal aufgelöst. 2012 bei der Reuniontour wussten wir schon, dass wir weitermachen. Aber wir mussten unseren „Tod“ vortäuschen, damit wir wieder auferstehen und Musik schreiben konnten, ohne dass die Leute viele Erwartungen an uns stellten.
C&D: Und kann man euch vertrauen zusammen zu bleiben?
David: Klar!
Lyxzén: Ich wollte gerade nein sagen! Wer weiß das schon. [Lachen]
David: Wir wollen wirklich zusammen bleiben.
C&D: Eure Texte sind teilweise ziemlich provokant, ihr scheint aber ausgelassene und ruhige Menschen zu sein.
David: Das ist bei allem so, wenn deine Ansicht sehr radikal ist, musst du es nicht schreien und es wird trotzdem Leute provozieren.
Lyxzén: Nun gut, wir schreien auch.
David: Aber nicht als Person, sondern in den Songs.
Lyxzén: Genau, wenn wir normal reden, können wir sehr sozial sein. Wir haben gelernt wie man Hände schüttelt und so etwas.
David: Für Leute wie uns, wenn wir uns in unserer Musik ausdrücken, machen wir das eben auf diese Weise.
Lyxzén: Es ist eine gute Möglichkeit die Wut raus zulassen. Ich meine, ich kann sehr sauer und ernst sein.
C&D:
Lyxzén
: Ja, viel mehr. Wir kamen damals von der Punk-Hardcoreszene, wir waren eine Band, die einen anderen Weg gewählt hat. Wie jeder weiß können Subkulturen sehr spießig sein, ich glaube damals dachten wir, wir wären besser als alle anderen.
Wir dachten wir wären Götter für das Publikum… Und 2012, da haben wir Leute getroffen, die waren echt super und wir haben uns verstanden.
In dieser Dokumentation war ich immer noch sehr sauer über was passiert war, wie und warum wir uns aufgelöst hatten.
David: 2012 wussten wir, dass die Leute wegen unserer Musik gekommen waren. Nicht wegen der Hardcoreszene oder dem Hype. Als Band hängst du immer in Genres und Szenen fest, aber dieses Publikum kam wegen uns dahin.
C&D: Als Band gebt ihr auch ein politisches Statement ab. Stimmt die ganze Band mit dem überein?
Lyxzén: Nun wir drücken nicht immer eine konkrete Meinung aus. Unsere Texte sind polemisch. Ein Titel im neuen Album ist über die französische Kolonisation in Afrika, die  zur Folter und Tötung vieler Menschen geführt hat. Die Franzosen unterstützen einen schrecklichen Diktator. Als der starb haben sie sogar menschliche Überreste in seinem Kühlschrank gefunden…
David: Wir teilen eine politische Grundeinstellung, aber wir sind keine vier erwachsenen Männer, die alle einer Meinung zu jedem Thema sind. Das wäre komisch.
Lyxzén: Es gibt einige Texte mit denen Dennis überhaupt nicht einverstanden ist.
David: Auf jeden Fall!
Lyxzén: Wir sind immer noch wir selbst, wie David sagte. Wir sind keine Partei, keine Politiker. Wir haben unsere Freiheiten. Als Sänger singt man auch nicht immer Dinge mit denen man übereinstimmt, gerade weil man Leute zum Reagieren und Denken anregen möchte. Als Künstler treibst du es auf die Spitze.
C&D: Also glaubst du, dass du etwas durch Musik bewegen kannst?
Lyxzén: Ich und David, wir sind beide hier wegen der Musik. Wir haben über Politik, Existentialismus, Dichtung, Kunst und Filme durch Musik gelernt. Es war unser Weg sich der Welt zu öffnen. Ich glaube nicht, dass man als Band mit Gitarre und Sänger den Kapitalismus besiegen oder den Welthunger beenden kann. Aber ich glaube, dass wir Leute inspirieren können, etwas von Wert mit ihren Leben zu kreieren.
David: Es ist auch ein Teil davon Würde in deinem Leben zu haben. Viele Menschen haben nicht die Möglichkeit ein Leben zu führen, in dem ihre Ideen ausgedrückt werden. In dem ihre persönliche Ansichten von anderen Leuten gekannt werden. Es ist eine ziemlich coole Sache und wenn man die Möglichkeit hat den Leuten etwas zu sagen, dann sollte man sie nutzen. Egal ob irgendjemand zuhört. Wir haben Zuhörer und damit auch eine Verantwortung.
Lyxzén: David und ich haben auch schon Rekords rausgebracht, die niemanden interessiert haben. Als mich jemand fragte was ich mache, wenn das mit diesem wieder so ist, sagte ich: „Dann mach ich eben noch einen!“. So bewegt man sich durch das Leben.
David: Als ich 16 war, wurde mir ein Album von FUGAZI empfohlen. Auf dem gibt es eine Line, wo sie sagen „America is just a word but I use it“. Als ich das gelesen habe, merkte ich zum ersten Mal, dass Sprache ein menschliches Konstrukt ist und wir entscheiden können wie wir etwas nennen. Es ist dieses intensive bestärkende Gefühl. Ich kann entscheiden „etwas“ nicht „etwas“ zu nennen. Das ist so wichtig, langfristig gesehen hat es mein Leben beeinflusst. Es ist nur ein Satz, kein Reim, keine politische Aussage. Dieser Satz ist einfach verdammt toll und wenn jemand ähnlich auf etwas reagiert, was wir geschrieben haben, das wäre ein stolzer Moment. Es wäre Teil einer Tradition.
C&D: Ein Song von dem neuem Album heißt „Useless Europeans“. Ihr seid selbst Europäer, wer sind die nutzlosen?
Lyxzén: Wir alle!
C&D: Und was machen wir falsch?
Lyxzén: Grundsätzlich alles.
David: So viel, das ist die längste Liste der Welt.
C&D: Betrifft es nur die europäische Politik oder auch jeden einzelnen?
Lyxzén: Ich denke, es geht mehr um Strukturen und Ideologien. Das größte Problem ist, dass speziell wir es im Westen in den privilegierten Ländern wie Deutschland und Schweden gut haben und nichts mit unseren Privilegien tun. Wir kaufen uns das neuste i-Phone oder so. Das Konzept der „Useless Europeans“ ist, dass wir alle Möglichkeiten haben den Leuten auf der Erde zu helfen und die Welt zu verbessern, aber nichts tun. Jedes Mal wenn wir so ein Lied schreiben, sprechen wir auch über uns selbst, unsere Position in der Struktur. Die Struktur, die Massenarbeitslosigkeit schafft, arme Leute und Katstrophen im mediterranen Raum. Leute versuchen nach Europa zu kommen und sterben dabei. Sie versuchen herzukommen um ein besseres Leben zu haben, aber wir Menschen in Europa mit unseren guten Leben passen nicht auf sie auf. We just fucking piss them away.
David: Diese europäische Idee…bei der Kolonisation haben sich die Europäer einfach an einen Tisch gesetzt, die Karte von Afrika rausgeholt und Quadrate raufgezeichnet. Das waren Länder, die sie ohne irgendeine Beachtung von Stammessystemen, Königreichen oder Sprachverbreitung festgelegt haben. Diese Karte gilt immer noch und stellt ein großes Problem da. Es ist schwer die vielen Konflikte und Kriege dort zu lösen. Die Grenzen dort haben keine Relevanz für die Leute, die dort leben und immer schon gelebt haben. Der europäische Kolonialismus ist eins der schlimmsten Dinge, die je passiert sind. Diese europäische Idee existiert immer noch, es gab keine neuen konstruktiven, die zur Gesellschaft durchrieseln. Man hat das Gefühl in einem Mausoleum zu leben. Dem Mausoleum Europa. Leute laufen herum und sind sauer weil ihr WiFi schlecht ist und keinen guten Kaffee bekommen, was unter der Woche die einzige Sache ist, die mich wirklich sauer macht…
Lyxzén: Wir spielen ein bisschen mit der Idee, dass du irgendwo lebst und nicht den Zerfall siehst. Wir sprechen über das römische Reich, weil es seinen Höhepunkt erreicht hatte und einige hundert Jahre das Römische Reich blieb. Doch von der Außenseite konnte man sehen wie es auseinanderfiel, nur nicht von innen. Und das passiert mit Europa. Wir glauben immer noch, dass wir fucking amazing sind, aber es gibt Zerfall. Wenn man sich Portugal, Spanien, Schottland usw. ansieht, merkt man das. Aber wir denken immer noch die EU ist das Beste. Aber in spätestens hundert Jahren ist sie fertig.
C&D: Warum glaubt ihr, dass sich nichts ändert?
Lyxzén: ELECTRAs “Down in the dirt, nothing has changed”, das stimmt wenn wir über Klassenstrukturen, Reichtum und den Kapitalismus als ökonomische Struktur sprechen. Für die armen Menschen, ändert sich nichts, es wird eher schlimmer.

David: Es gibt Sklaverei im großen Stil in Süditalien und Spanien. Migranten kommen über das Mittelmeer und werden dann zur Arbeit auf Tomatenplantagen gebracht. Wenn sie nach ein paar Wochen nach ihrem Lohn fragen, werden sie abgewiesen. Das ist echte Sklaverei und wir kaufen diese Tomaten.
Lyxzén: Das ist ein Produkt des Kapitalismus.
C&D: Also ist der Kapitalismus das Problem der Welt?
Lyxzén: Er ist eines der großen Probleme. Um kurz radikal zu sein: Kapitalismus ist ein ökonomisches System, das auf der Idee basiert, dass das Kapital wächst und dass die Leute, die es besitzen, immer mehr Gewinn brauchen. Kapitalismus hat keine Moral, kein Bewusstsein und keine Struktur um sich um die Menschen zu kümmern. Die Idee war, wenn wir genug Geld machen, rieselt es irgendwann zu den Armen runter. Aber das passiert nicht, der Abstand zwischen Arm und Reich wird immer größer. Der Kapitalismus hat uns seit 150 Jahren falsche Versprechungen gemacht. Diese Struktur diktiert die Wirtschaft, die sozialen und religiösen Systeme, in denen wir leben. Es steht kein einzelner Typ dahinter.
David: Interessanter Weise gibt es seit der Finanzkreise einen großen Wandel darin, wie Menschen reagieren, wenn du mit ihnen über Kapitalismus sprichst. Es gibt nun sichtbare Risse in der Fassade. Früher war es absurd diese Idee überhaupt anzuzweifeln, heute denken viele, dass es vielleicht keine ganz so gute Sache ist.
Lyxzén: Außerdem ist es eine große Verschwendung an Ressourcen. Wir stellen neue Autos her und  kippen welche ins Meer, weil wir zu viele hergestellt haben. Kapitalismus ist ein verschwenderischer Lebensstil. Wir waren schon immer eine antikapitalistische Band.
David: In de 90igern haben wir diese Dinge in unseren Privatleben bekämpft. Wir haben Dinge boykottiert, aber festgestellt, dass es aussichtslos war. Sein Leben in Newutopia zu wandeln hat wenig Sinn. „Ich mache da nicht mit!“.
Lyxzén: „Ich trinke keine Coca-Cola!“.
David: Aber weil du nicht mitmachst, hört dir niemand zu.
Lyxzén: Heute sind wir recht produktive Mitglieder der Gesellschaft. Aber wir können die Zusammenhänge als Mitglied besser verstehen.
C&D: Welches wäre das richtige System für eine friedliche und glückliche Welt?
Lyxzén: Das ist schon ewig das Problem der Linken.
David: Ich habe eigentlich auch kein Interesse daran.
Lyxzén: Nein, aber wenn wir eine Antwort darauf hätten, würden wir keine Musik machen. Wir wären irgendwelche Philosophen oder Wissenschaftler. Es liegt auch nicht an mir das perfekte System zu definieren, es liegt an uns allen zu entscheiden wie diese neue Welt aussehen soll. Wenn wir die Lösung hätten, wären wir nicht hier, sondern beim Nobelpreisdinner.
David: Ich habe das Gefühl, dass die Leute, die das rausbekommen, nicht die sind, die wir heute schätzen und bei denen wir nach Führung suchen. Wir interessieren uns mehr für Kim Kadeschean als für die Leute mit guten Ideen.
C&D: Wie kann man denn eurer Meinung nach „richtig“ leben?
David: Es geht in erster Linie darum versuchen zu lernen und es zu verstehen.
Lyxzén: Erkenne die Struktur!
David: Lies gute Bücher, Zeitungen und bilde dich richtig fort, dann werden diese Dinge nicht so eine Qual sein, weil du weißt wie sie funktionieren. Vielleicht kannst du dann deine eigenen Entscheidungen machen. Für mich war etwas niemals angenehm, wenn mir jemand vorschrieb wie genau ich etwas machen soll.
Es gibt immer noch so viel was ich nicht verstehe, aber ich versuche es.
Lyxzén: Du darfst andere nicht definieren lassen, wer du bist. Du musst deine eigenen Entscheidungen treffen.

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