NEUES PUNK BRETT

Wo das Debutalbum „Sore“ (2015) der kanadischen Indie-Rock/Punk Band noch in Sehnsucht und Wut verwurzelt war, geht es bei „Heaven“ um Hoffnung und Optimismus. Es ist zwar eine emotionale Veränderung, aber Dilly Dally haben sich keineswegs beruhigt. Wenn du denkst, dass das Festhalten an der Hoffnung in einer abgefuckten Welt naiv ist, ist es ihnen egal. Das Leben ist hart, Depressionen sind scheiße und die Straße kann brutal sein. Aber jede Nacht, wenn die Band auf die Bühne tritt, um diese Lieder zu singen, die alle in helles Licht getaucht sind, wird es sich sicher wie der Himmel anfühlen.

Dilly Dally stammen aus Toronto und verstehen es meisterlich, den Punk, die kämpferische Attitüde und den gelangweilten Schmerz ihrer Vorbilder aus den 80ern und 90ern zu einem großen Ganzen zu verbinden. Dilly Dallys Musik und Bühnenshows versprühen den Vibe der Pixies, schreien die Wut von Hole, durchleiden die Verzweiflung eines Kurt Cobains und klingen dabei so frisch und eigenständig, dass es all dieser Personalien eigentlich gar nicht bedarf. Frontfrau Katie Monks schreit, rotzt, grummelt und heult sich durch die Stücke und man hat den Eindruck, sie könnte dabei jederzeit abstürzen. Aber ihre Band lässt es nie dazu kommen. Liz Ball an der Lead-Gitarre und vor allem die Rhythmusgruppe um die beiden Männer, Jimmy Tony am Bass und Benjamin Reinhartz an den Drums, geben ihr immer wieder den musikalischen Halt und verhindern das Abrutschen ins blanke Tohuwabohu. So muss Punk sein: erschöpfend, ausgiebig, angstfrei, aggressiv, leidenschaftlich und vor allem laut, roh und dreckig. Natürlich sind Dilly Dally trotz der beiden Jungs im Team auch politisch, feministisch und eine Frauenband.

 

Für ihr zweites Album haben Dilly Dally mit dem Produzenten Rob Schnapf (Elliott Smith, Beck) zusammen gearbeitet. Der Albumtitel ist mit Bedacht gewählt. Zurück von den Toten – fast wortwörtlich gemeint – hat man die Sphären des Himmels gestreift, weiß nun mit “Heaven” davon zu berichten. “This feels like the album we’d make if the band died and went to heaven,” erklärt Sängerin und Gitarristin Katie Monks. Nach ihrem Debüt-Werk “Sore” (2015), das voller Anklänge an Sonic Youth, Yeah Yeah Yeahs oder The Pogues war und einer langen und anstrengenden Tour durch Europa und die USA, fühlte man sich an einem Endpunkt angelangt und löste die Band überraschend auf.Doch umso stärker kehren Dilly Dally nun neu formiert zurück. Alle Dunkelheit, alle Wut einer sicher schwierigen Phase wird aufgearbeitet und dabei in etwas Positives und Energetisches verwandelt. So pendelt “Heaven” zwischen Alternative-Rock und großen Indie-Pop-Momenten (diese Melodien!). Oder aber man beschreibt es mit den Worten Katie Monks: “doom metal vibes with lots of positive messages.”

 

Wo ‚Sore‚ in Sehnsucht und Wut verwurzelt war, geht es bei ‚Heaven‚ um Hoffnung und Optimismus. Die immer wiederkehrenden Feuerbilder aus dem Debüt der Band sind hier heilenden, therapeutischen Visionen von Wasser und Licht gewichen. Es gibt eine Befreiung in der Musik, schwere Lasten sollen durch schiere Willenskraft aufgehoben werden. Es ist zwar eine emotionale Veränderung, aber Dilly Dally hat sich keineswegs beruhigt.

 

„Heaven“ beginnt mit dem verträumten „I Feel Free„, das als schwebende Klanglandschaft beginnt, bevor es sich in eine ekstatische Hymne für eine Welt verwandelt, die bereit ist, endlich die ganze Dunkelheit und Ernüchterung der letzten Jahre zu verarbeiten. Es beschreibt den Weg der Umkehr und ist ein idealer Ausgangspunkt für ein Album, das darauf abzielt, die Vergangenheit abzustreifen und einen neuen Kurs einzuschlagen. „This song is about getting the band back together. We almost broke up, – well actually we did. I always thought that once the band started doing well, it would make all our problems go away and everyone would be happy. But instead, it sorta illuminated whatever dark energy had been lying around, and things just erupted on tour.” Monks verspricht: “We’ll start it again / In a moment of silence”, während sie durch loslassen Ruhe findet. Während die Musik unbestreitbar wild und agressiv bleibt, ist in jedem Track auch etwas Positives eingewebt.

Das zunächst von einer ruhigen Sanftheit getragene, aber unerbittliche „Believe“ besteht auf Selbstvertrauen. “Just imagine being underwater, lost in the ocean somewhere, and faintly hearing a bunch of mermaids singing “believe in yourself,” in the distance. Maybe your so tired of swimming that you have begun to hallucinate. Now THAT’s spirituality. That’s what drove me to finish writing this album.”

 

Das treibende „Sober Motel“ feiert die Nüchternheit und das Gefühl eines klaren Kopfes. Die schöne Melodie-Führung besticht, auch ist das Stück inhaltlich von Klarheit geprägt: „Lots of water imagery on this record. And its suitable because this song is kind of a statement, celebrating sobriety. For the most part, I write my songs when I’m sober. So finding reason’s to celebrate a clear state of mind wasn’t difficult. There’s something so naked about it all.” Sorry Ur Mad“ plädiert dafür, sich aus der Umklammerung der Wut und des Grolls zu befreien.

 

Flucht ist ein häufiges Thema in den Songs, vom schmerzlichen „Marihuana“ bis zur epischen Queer-Tragödie „Bad Biology“ – aber sie hilft letztlich sehr wenig, und so arbeitet das Album seine eigene atheistische Religion heraus, um den Tag zu überstehen und das strahlenden Licht der Hoffnung zu sehen.

 

Dilly Dally leiden nicht unter Wahnvorstellungen, und wenn du denkst, dass das Festhalten an der Hoffnung in einer abgefuckten Welt naiv ist, ist es ihnen egal. Das Leben ist hart, Depressionen sind scheiße und die Straße kann brutal sein. Aber jede Nacht, wenn die Band auf die Bühne tritt, um diese Lieder zu singen, die alle in helles Licht getaucht sind, wird es sich sicher wie der Himmel anfühlen.

 

 

Dilly Dally Live:

03.10.2018 Berlin – Maze Club

 

Video: I Feel Free

https://www.youtube.com/watch?v=fdS1DCmXVpU

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