FREIWILLIG DEM TOD ENTGEGEN

Mit der Todesstrafe im NackenDiana Ringelsiep und Felix Bundschuh hatten des Weins zu viel… das hört sich an, wie die Einleitung vom „Schindelschwinger“ in den 70ern – aber die Wirkung war fast die Gleiche. Diana und Felix beschlossen die Subkultur Asiens zu erkunden und dass dies ein Spiel mit dem Feuer, manchmal auch mit der drohenden Todesstrafe, ist, war beiden von Anfang an klar. Thomas Ziegler sprach mit beiden über ihre Erfahrungen, die es in einem tollen Buch zu lesen gibt, in einem tollen Film zu bestaunen gibt und als bleibenden Eindruck als CD und Vinyl auch zu hören gibt.

TO GO: Was nach einer Karaffe Wein so alles entstehen kann?
Zuallererst entsteht der Wunsch nach einer zweiten Karaffe Wein. Wenn es gut läuft, führt diese zu einer grandiosen Idee, die zwei Freunde dazu bringt, sich auf eine abenteuerliche Recherchereise nach Südostasien zu begeben – wie es bei uns der Fall war. Wenn es schlecht läuft, bleibt lediglich ein übler Kater zurück.

TO GO: Nun heißt es ja „Im Wein liegt die Wahrheit“. Welche Wahrheit/en sind bei der Reise ans Tageslicht gekommen?
Wir sind seit acht Jahren befreundet und haben in dieser Zeit nicht nur viele Konzerte zusammen besucht, sondern zeitweise auch denselben Arbeitgeber geteilt und gemeinsam in einer WG gewohnt. Dementsprechend wussten wir, worauf wir uns einlassen. Dennoch hatten wir Respekt davor, über mehrere Wochen 24/7 aufeinanderzuhängen. Letztendlich haben wir aber sehr gut als Team funktioniert und uns dabei noch mal von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Vor allem, wenn wir in brenzlige Situationen geraten sind, die einem zuhause für gewöhnlich erspart bleiben.

TO GO: Im Ernst: wie geht man an ein solches Vorhaben heran?
Zuerst haben wir die grobe Route geplant und einen Optimalfall skizziert: Welche Subkulturen wollen wir finden, welche Orte besuchen und welcher Frage gehen wir nach? Online haben wir dann einige Bands und Szeneakteure angeschrieben und die meisten davon waren auch bereit, sich mit uns zu treffen. Aber es gab natürlich auch noch ein paar andere Dinge zu beachten. Wir hatten zum Beispiel einiges an Equipment zu organisieren und mussten unterwegs für eine regelmäßige Datensicherung sorgen. Nicht zu vergessen die üblichen Reisevorbereitungen wie Impfungen etc.

TO GO: Wie lange Vorplanungszeit habt Ihr benötigt?
Zwischen der Karaffe Wein, die zu der Projektidee führte und Felix‘ Ankunft in Hongkong lagen gerade mal drei Monate. In der Zeit haben wir das grobe Konzept geschmiedet. Rückblickend war es sogar gut, dass wir so unvoreingenommen an die Sache herangegangen sind. Auf diese Weise konnten wir uns an Orte treiben lassen, die wir online nie gefunden hätten, anstatt bloß eine Liste von Rechercheergebnissen abzuarbeiten.

TO GO: Gab es schon vorher Kontakte in die dortigen Szenen?
Nein, wir haben alle Kontakte erst für „A Global Mess“ geknüpft und den Großteil der Länder auch zum ersten Mal besucht.

TO GO: War es leicht Drehgenehmigungen zu bekommen?
Unser Film ist als eine Ergänzung zum Buch zu betrachten, in dem wir einige Protagonisten für sich selbst sprechen lassen. Diese Interviews fanden in der Regel an privaten Orten oder in Venues statt, deren Betreiber von unserem Vorhaben wussten. Drehgenehmigungen im eigentlichen Sinne waren daher nicht nötig.

TO GO: Wie groß war das Team?
Es gab von Anfang an nur uns beide. Wir haben alles selbst geplant und recherchiert, Termine vereinbart, Interviews vorbereitet und geführt, szenerelevante Orte ausfindig gemacht, Fotos aufgenommen und den Reisealltag gefilmt. Nach unserer Rückkehr haben wir dann die Songs für den Sampler lizensiert, 150 Stunden Material gesichtet, den Film geschnitten, das Buch geschrieben, ein Crowdfunding auf die Beine gestellt und zuletzt die anstehende Lesetour gebucht. D.I.Y. können wir.

TO GO: Musstet Ihr in manchen Ländern undercover arbeiten?
Da wir lediglich mit Touristen-Visa unterwegs waren, haben wir uns streng genommen permanent unter dem Radar bewegt. Wir wussten zu Beginn ja auch nicht, wie viel sich von unserem Vorhaben tatsächlich realisieren lässt. Die offiziellen Kriterien für ein solches Unterfangen hätten wir ohnehin nicht erfüllt. Und falls doch, hätten wir uns dazu verpflichtet, das Filmmaterial im Anschluss freigeben zu lassen. In Ländern wie Malaysia wäre von unseren Interviews dann wohl nicht viel übriggeblieben.

TO GO: Habt Ihr eigene Grenzen gesetzt?
Nein, im Gegenteil. Natürlich hätten wir uns mehr Zeit für die Vorrecherche nehmen und dadurch gezielter auf bestimmte Subkulturen zugehen können. Doch das hätte die Realität verzerrt, weil wir bloß unseren eigenen Erwartungen gerecht geworden wären. Stattdessen haben wir uns bewusst treiben lassen. Wir waren für alles offen, weshalb wir trotz unserer Punkaffinität auch auf einigen Hip-Hop-Shows und in diversen Künstlerwerkstätten gelandet sind. Hätte man uns mit auf ein Heavy-Metal-Konzert oder eine Elektro-Party geschleppt, hätten wir uns auch darauf eingelassen – doch das ist nicht passiert.

TO GO: Und wo setzt man sich politische Grenzen, um nicht in schwierige Situationen zu geraten?
Das war nicht immer so leicht – insbesondere in Hinblick auf die strengen Drogengesetze, die in den meisten Ländern Südostasiens herrschen. Natürlich haben wir dankend abgelehnt, wenn irgendwo ein Joint herumgereicht wurde. Doch im Falle einer Razzia reicht es eben oftmals aus, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, um verhaftet zu werden. Gelegentlich wurden in unserer Anwesenheit auch härtere Drogen konsumiert, weshalb uns im Angesicht der Todesstrafe gelegentlich etwas mulmig zumute wurde. Aber auch regierungskritische Aussagen sind dort vielerorts nicht ungefährlich.

TO GO: Wo liegen die großen Unterschiede in der Szene selbst, im Vergleich zu Europa?
Durch das subkulturelle Überangebot haben sich hierzulande sehr viele Unterkategorien der einzelnen Bewegungen aufgetan. Daher ist es möglich, sich in einer einzigen winzigen Nische zu bewegen. So ist es hier beispielsweise kein Problem, ausschließlich auf Hardcore-Shows zu gehen und einen Bogen um Skatepunk zu machen. In Südostasien verstehen sich die verschiedenen Szenen hingegen als Teil desselben Undergrounds. Skinheads, Metaller, Punks und Rapper tun sich für Konzerte zusammen und supporten sich gegenseitig. Auch das Publikum ist anderen Musikrichtungen aufgeschlossener gegenüber.

TO GO: Woran orientieren sich die Musiker in den bereisten Ländern?
Viele Leute sind überrascht, wenn sie unseren Vinyl-Sampler hören, da einige Songs sehr amerikanisch klingen. Aber warum sollte es dort auch anders sein als bei uns? Green Day ist beispielsweise sehr oft als Vorbild gefallen. Der Grund dafür ist, dass die Kalifornier in den Neunzigerjahren die ersten waren, die durch Südostasien getourt sind – sie haben den Punk also gewissermaßen dorthin gebracht, weshalb sie bis heute eine große Rolle spielen.

TO GO: Gibt es in den Ländern Labels die sich mit der Musik befassen?
Definitiv. Im Grunde ist die Musiklandschaft dort ähnlich aufgestellt wie bei uns. So hat es die Band Superman Is Dead bereits 2003 als erste indonesische Punkband auf das Majorlabel Sony geschafft. Andere Bands, die wir getroffen haben, sind bei lokalen Indielabels unter Vertrag und wieder andere bringen ihre Platten selbst heraus.

TO GO: Gibt es auch kleine Fanzines oder geht alles über die sozialen Netzwerke?
Die Sache mit den sozialen Netzwerken ist sehr ambivalent. Einige Bands und Locations wollen sich diesen bewusst entziehen und sind daher online gar nicht zu finden. Stattdessen flyern und plakatieren sie viel. Andererseits organisieren sich viele Szenen über Facebook- und WhatsApp-Gruppen. Auch Fanzines haben wir einige entdeckt. Jedoch waren die meisten in Landessprache, sodass wir nicht viel damit anfangen konnten. In Bangkok haben wir auch den Herausgeber eines Musikmagazins namens BLAST kennengelernt, der die alternative Szene dort stark geprägt hat.

TO GO: Gibt es Material was zensiert oder eingezogen wurde?
Da wir inoffiziell unterwegs waren und bei unserer Ausreise niemandem etwas vorlegen mussten, ist dahingehend nichts erzwungen worden. Doch wir haben uns selbst gegen die Veröffentlichung besonders regimekritischer Äußerungen entschieden, um unsere Protagonisten zu schützen.

TO GO: Welches waren die schönsten Erfahrungen auf der Reise?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten, da wir unzählige einzigartige Erinnerungen mit nach Hause gebracht haben. Dazu zählen auf jeden Fall die Show einer feministischen Hardcore-Band in einem verlassenen Einkaufszentrum in Singapur und der Tag, an dem wir uns beinahe im malaysischen Dschungel verlaufen haben.

TO GO: Welches waren die gefährlichsten Erfahrungen auf der Reise?
Am gefährlichsten war es immer, wenn in unserer Gegenwart Drogen konsumiert wurden. Denn in Ländern wie den Philippinen, Singapur und Malaysia herrschen die härtesten Drogengesetze der Welt. Selbst der Besitz von Marihuana kann mit Rohrstockhieben oder dem Tod bestraft werden. Da möchte man ungern bei einer Razzia dabei sein.

TO GO: Was war Eurer erster Gedanke, als Ihr wieder europäischen Boden unter den Füßen hattet?
Jetzt gibt’s viel zu tun.

TO GO: Was habt Ihr am ersten Tag in der Heimat gegessen?
Pizza mit unseren Partnern.

TO GO: Habt Ihr dann erst einmal ein paar Tage Abstand gebraucht?
Wir waren noch keine 24 Stunden zurück, da saßen wir schon wieder zusammen, um die nächsten Schritte zu besprechen und mit dem Verlag zu telefonieren. So ging es nahtlos weiter. Bis heute.

TO GO: Wie seid Ihr an die Auswertung des ganzen Materials gegangen?
Wir sind mit unzähligen Notizen, tausenden Fotos und rund 150 Stunden Filmmaterial nach Hause gekommen. Und um ehrlich zu sein, hat uns das ganz schön erschlagen. Am Ende haben wir alles getrennt voneinander gesichtet und unsere Lieblingsstellen und -fotos herausgeschrieben. Mit dem Material haben wir dann gearbeitet. Das Buch basiert größtenteils auf Erinnerungen und Tagebucheinträgen.

TO GO: Wonach habt Ihr die CD/Vinyl zusammengestellt?
Das war gar nicht so leicht. Wir kriegen nicht mehr zusammen, wie viele Bands wir unterwegs kennengelernt haben. Dementsprechend groß war die Auswahl. Letztendlich haben wir versucht, möglichst viele der besuchten Länder und diverse Musikgenres abzubilden, um den Leuten in Deutschland einen guten Einblick zu verschaffen. Dabei mussten wir natürlich auch auf die Qualität der Aufnahmen achten und uns mit den jeweiligen Labels auseinandersetzen – denn die hatten natürlich auch noch ein Wörtchen mitzureden.

TO GO: Verändert sich jetzt euer Arbeitsalltag hinsichtlich neu gewonnener Erkenntnisse?
Nicht aufgrund der Erkenntnisse, aber rein inhaltlich hat sich natürlich eine Menge getan. Mittlerweile teilen wir uns ein Büro und der Großteil unseres Arbeitsalltages dreht sich um „A Global Mess“. Darüber sind wir sehr froh, denn bisher gab es noch keinen Job, der uns so glücklich gemacht hat.

TO GO: Was kommt wohl nach dem nächsten Weingelage für eine Idee ans Tageslicht?
Sagen wir mal so, inzwischen haben wir schon wieder das ein oder andere Glas zusammen getrunken und wir sind fest entschlossen, es nicht bei einer Reise zu belassen.

Vielen Dank

 

Mehr Infos:

www.aglobalmess.com

www.facebook.com/aglobalmess

www.instagram.com/aglobalmess

 

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr Informationen

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close