ES GIBT VIEL ZU SAGEN

ART AGAINST AGONY  –  IST DER MENSCH REIF FÜR DIESE HERAUSFORDERUNG?

Ich habe schon viel gesehen und erlebt, aber die Kombination die ART AGAINST AGONY vollziehen ist schon als einmalig zu bezeichnen. Musik ist Kunst und Kunst ist Musik, beide tragen sich gegenseitig und in immer neuen Beziehungen zueinander, kann sich ein Kunstprojekt wie ART AGAINST AGONY eigentlich jeden Tag neu erfinden. Doch wo soll man bei einer so individuellen Künstleransammlung anfangen? Wir haben uns entschieden das Interview zu Zweit zu machen und so ist unser Leiter der Kunst Redaktion involviert worden. Gemeinsam ist es uns gelungen das Interview zu einem Selbstläufer werden zu lassen, was dazu geführt hat, dass wir dem aktuellen Heft ein paar Seiten mehr geben mussten, um dem Projekt den Platz zu geben, den es verdient hat. Das Interview ist somit (fast) uncut.

 

Interview: Nina Wagenaar / Ben Lürsen

Fotos: The Architect

 

C&D: Bitte stellt Euch doch unseren Lesern einmal vor.

Art Against Agony ist ein internationaler Zusammenschluss von Musikern, Fotografen, Grafikdesignern, Regisseuren und Performance-Künstlern. Wir tragen Masken und möchten anonym bleiben, weil wir glauben, dass unsere Namen, Gesichter und Körper nicht wirklich von Bedeutung sind. In ein paar Jahren sind wir schon wieder Asche, und was von uns bleibt ist nichts Materielles, sondern nur das, was wir getan haben. Wir möchten mit unserer Kunst genau darauf aufmerksam machen, obwohl wir natürlich als Teil einer Unterhaltungsindustrie gewisse Kompromisse eingehen müssen, um gebucht zu werden und Geld zu verdienen. Seit 2014 hat Art Against Agony drei Alben, zwei EPs, verschiedene Fotoausstellungen und eine YouTube-Serie produziert. Die Band befindet sich nach dem Release des neuen Albums ‚Shiva Appreciation Society‘ gerade auf Europa-Tour.

 

C&D: Was gab es am Anfang zuerst: das Konzept oder die Musik?

Am Anfang stand beides, jedoch wollten wir das Konzept zu 100% verwirklichen und mit einem Schattentheater auftreten, wo die Musiker nur als Schemen zu sehen sind und niemals mit dem Publikum in Kontakt treten. Quasi unsere körperliche Ebene komplett abschirmen und nur auf die Musik Wert legen. Diese Idee war jedoch sehr schwierig finanziell zu realisieren, man muss quasi schon mit einem LKW an Equipment zum ersten Gig fahren, obwohl man noch gar keine Fans hat.
Daher waren Masken und Pseudonyme unser Kompromiss: Wir stehen nach wie vor auf der Bühne, allerdings performen nicht wir, sondern unsere Alter Egos.

 

C&D: Dann fallen doch die ersten Clubgigs weg, wenn man Anspruch auf eine bestimmte Umsetzung von Kunst und Musik hat, oder?

Das ist absolut richtig – einerseits schreckt es viele Clubs ab, dass sie uns gar nicht wirklich einer Musikrichtung zuordnen können (Metal, Jazz, Blues, Barockmusik, WTF?!) und dass wir keinen Gesang haben. Andererseits ist unser Erscheinungsbild und unsere Musik hat ein wunderbares Alleinstellungsmerkmal, welches sich sehr gut vermarkten lässt. Wer uns einmal gesehen hat, der vergisst uns so schnell nicht wieder und einmal gewonnene Fans bleiben für immer.

 

C&D: Erinnert Ihr Euch noch an den ersten Gig und wie war dieser?

Unser erster Gig war Ende 2012 an einem Newcomer-Contest in der Gegend um Stuttgart, wir hatten nur vier Songs im Gepäck und nur wenige Proben hinter uns. Am Ende haben wir die Jury und das Publikum überzeugt, den zweiten Platz gemacht und eine Studioproduktion für einen Song gewonnen. Wir hatten keine Ahnung, wie die Leute auf die Masken reagieren und darauf klarkommen, dass wir keine Ansagen machen oder sonst mit den Leuten reden. Aber unsere Befürchtungen waren grundlos, wir haben die Erfahrung gemacht, dass es auf einem Konzert keinen sprachlichen Kontakt zum Publikum braucht. Macht man gute Musik und legt eine mitreißende Performance hin, dann versteht das Publikum von ganz allein, was man zu sagen hat.

 

 

 

 

C&D: Habt Ihr Euch grundsätzlich gegen Gesang entschieden um die Musik mehr in den Vordergrund zu schieben?

Wir haben uns nicht grundsätzlich gegen Gesang entschieden, allerdings sind wir der Überzeugung, dass die menschliche Stimme extrem nah an unserer körperlichen Identität steckt und sich nicht einfach mit einer Maske ‚verstecken‘ lässt. Eine Stimme würde also das hervorheben, was wir eigentlich betont unbetont lassen sein wollen, unsere Präsenz als materielle Körper.

Wir lassen für die Zukunft offen, wie wir mit Gesang in unserer Musik umgehen wollen.

 

C&D: Wenn man musikalisch so vielseitig ist, kommt die Frage auf, an wem orientiert Ihr euch. Ich würde eher fragen, an wem orientiert Ihr Euch nicht?

Unsere Inspirationen reichen von Bach über Schönberg, von 70‘s Hair Metal zu Meshuggah, von Jazz zu Folkmusik und von Minimal Techno hin zu Vivaldi. Es gibt keine Musik, an welcher wir uns nicht orientieren, insofern sie eine Botschaft enthält. Es gibt keine schlechte Musik, es gibt nur Botschaften, die wir interessant und weniger interessant finden.

 

C&D: Was fehlt um Euch richtig in Szene setzen zu können?

Eigentlich sind wir der Überzeugung, dass wir uns bereits richtig in Szene setzen. Es gibt immer Raum für Verbesserungen, aber ‚richtig‘ in Szene setzen wir uns aufgrund unserer Überzeugungen von Anfang an, weil wir Ernst meinen, was wir machen.

 

C&D: Sind manche Ideen von mehr Kapital abhängig?

Selbstverständlich. Wir hatten bereits das Schattentheater erwähnt, mit welchen wir auftreten wollten und sofort verworfen haben. Auch können wir bestimmte Ideen nicht realisieren, weil wir von Art Against Agony allein nicht leben können, sondern anderweitig berufstätig sind. Wir haben zu diesem Zweck eine Patreon-Seite ins Leben gerufen, auf welcher uns Fans auf eine nachhaltige Weise unterstützen können – gegen einen monatlichen Beitrag bekommen unsere Unterstützer Zugang zu Musik, Merch und auch freien Eintritt zu allen Konzerten – wir hingegen bekommen Ressourcen, die garantieren, dass wir auch in Zukunft weiter Kunst schaffen werden. Gleichzeitig bleiben wir auch in Zukunft von einflussreichen Geldgebern wie Labels fern, und allein wir und unsere Fans als Gemeinschaft können entscheiden, was wir machen, und was nicht. (www.patreon.com/artagainstagony)

 

C&D: Auch wenn Ihr alles als ein Kunstprojekt seht, so sind es doch Puzzleteile, die anders als ein Bild immer in Bewegung bleiben müssen.

Wir sehen hier keinen Widerspruch. Wir sehen Kunst eigentlich nicht kategorisiert in Film, Ton und Bild, Malerei etc. Wir müssen nur deswegen eine Kategorisierung vornehmen, weil sich Genres leichter kommunizieren lassen bzw. weil in der Unterhaltungsindustrie Kunst nicht ganzheitlich kommuniziert wird, sondern eben als Genres – was natürlich leichter zu vermarkten ist. „Ah, ihr macht Progressive Metal, okay.“ „Verstehe, ihr macht Kurzfilme.“ Eigentlich ist das Produkt als Musik, Bild oder bewegtes Bild aber nur ein Medium für eine Botschaft, und nur weil wir verschiedene Hüllen für ein und denselben Inhalt verwenden, heißt das nicht, dass wir grundverschiedene Sachen machen, verschiedene ‚Genres’ bedienen oder Puzzleteile sind.
In allem, was wir machen, legen wir Wert darauf, dass unser Handeln, nicht wir selbst, im Vordergrund steht. Je nach persönlicher Auffassung mag das dem einen als kohärentes Bild erscheinen, dem anderen als reißenden Fluss ohne Anfang und Ende. Beides ist nicht verkehrt, denn beide Ansichten richten sich nur auf das Medium der Kunst, das Werk, nicht auf die Kunst selbst. Die Kunst bleibt konsistent, die Kunst ist nicht das Werk (die Musik, der Film), die Kunst ist das Handeln.

 

 

 

C&D: Wie negativ ist der Faktor „Zeit“ bei Euren Visionen?

Unsere Hauptaufgabe ist es, Gedanken in den Köpfen der Menschen zu säen. Je mehr Menschen wir erreichen, desto besser, und da wir nur eine begrenzte Zeit auf diesem Planeten haben, kann man „Zeit“ in der Tat als negativen Faktor auffassen. Jedoch brauchen auch Gedanken ihre Zeit zu wachsen, um auszutreiben und schließlich um Früchte zu Tragen. Gute Gartenarbeit ist umständlich, aber notwendig. Ein vielleicht etwas konkreteres Beispiel zum Thema Zeit ist die Art und Weise, wie wir Musik komponieren: Man trifft sich im Tonstudio, nimmt ein Riff auf, eine Melodie, einen Drumbeat. Das Ganze landet im Dropboxordner für alle zugänglich und ruht dort bis zum nächsten Treffen. Dann wird dem Riff nun ein weiteres Riff hinzugefügt, und weil nun das erste Riff nicht mehr ganz passt, wird das erste Riff gleich modifiziert. Ein einzelner Song braucht vom ersten Gedanken bis zur fertigen Albumversion dann schon mal ganze 12 Monate und durchläuft in dieser Zeit verschiedene Stadien – nicht oft hört sich der fertige Song komplett anders an als die ersten Ideen.
Auch hier betreiben wir nicht mehr und nicht weniger als Gartenarbeit. Um Ideen in Musik umzusetzen, braucht es Geduld und Muße. Hier muss man etwas Wildwuchs beschneiden, dort einem neuen Trieb mehr Raum geben. Im Idealfall kann man nach langer Arbeit eine gesunde Pflanze ans Tageslicht setzen, auf dass sie ihre Samen in der Welt verteilt.

 

C&D: Ihr müsst Euch bei manchen Ideen sicher entscheiden ob die Kunst oder die Musik Oberhand bekommt. Wie schwer sind solche Entscheidungen?Da wir Musik nicht im Proberaum, sondern im Studio komponieren, treffen dann nach einem Albumrelease oft zwei Welten aufeinander: Das hochglanzpolierte Studioalbum auf CD oder digitalem Datensatz, und die reale Welt, die Bühne. Mindestens die Hälfte unserer Studiomusik ist nicht für die Bühne gemacht, weil sie entweder mit menschlichen Mitteln live unspielbar ist, oder weil wir in der Studiokomposition ein bestimmtes Konzept verfolgt haben, welches live nicht so realisiert werden kann wie im Uhrwerkmodus auf CD.Gleichsam hat Art Against Agony vor allem in der letzten Jahren einen starken Fokus auf die Musik allgemein und weg von Film und Fotografie gelegt, weil alle unserer Mitglieder auch in einer Form Musiker sind, jedoch nicht alle etwa Grafikdesigner oder Filmemacher. Bestimmte Projekte sind kurz-  oder längerfristig auf Eis gelegt, weil in der Musik alle an einem Strang ziehen, für ein Filmprojekt etwa jedoch viele Mitglieder gar nicht involviert sein können.

 

C&D: Wie werden solche Entscheidungen getroffen?

Entscheidungen werden pragmatisch getroffen. Wir sind Idealisten, müssen aber in der Realität arbeiten. Wir möchten anonym sein, können es uns aber nicht leisten, auf der Bühne nur ein Tonband abzuspielen – wir müssen schon selbst auf die Bühne gehen und performen, sonst zahlt niemand Geld, um sich das anzuschauen. Wir haben eine Menge Projekte auf der Warteliste, weil momentan die Musik am meisten Wirkung erzielt. Die Band war die letzten zwei Jahre auf Tour in Russland und Brasilien, gerade momentan folgt eine Europatour. Die Musik scheint Anklang zu finden, daher konzentrieren sich unsere Kräfte darauf.

 

C&D: Wo unterscheidet sich Euer Arbeiten als Musiker, von herkömmlichen Künstlern?

Viele Musiker produzieren sich heutzutage selbst, wir sehen es daher eigentlich als kein Alleinstellungsmerkmal, dass wir quasi alles selbst machen, bis hin sogar zu Instrumenten, die wir selbst bauen. (https://www.youtube.com/watch?v=vsWMz4EAeCQ)

Allerdings ist unser Fokus auf das Handeln und unser gezieltes Propagieren gegen Gesichter, Namen und Körper etwas, was wir selten bis nie unter Künstlern beobachten. Kunstwerke werden nach wie vor am besten über Körper, Gesichter und Namen vermarktet, und diese Tatsache verachten wir.

 

C&D: Kann man Euch überhaupt als Künstler bezeichnen, wenn Ihr doch Wert darauf legt gar nicht in Erscheinung zu treten?

Ob wir Künstler sind oder nicht ist doch vollkommen egal. Wieder nur Namen und Titel, das ist nichts wert.

 

C&D: Ich möchte Euch bitten zu erklären welchen Einfluss die Kunst in Euer Tun hat?

Was von Menschen als >Kunst< betrachtet wird, ist stark abhängig davon, von welcher Kultur und Epoche wir sprechen. Die Griechen kannten Kunst nur unter techné, was auch Handwerk und Tätigkeiten einschließt, welche mit Können absolviert werden (Ein Mensch, der es beherrscht, vor anderen zu reden, beherrscht die techné, die Kunst der Rhetorik). In der frühen Neuzeit ist Kunst über Baumgarten und Kant mutiert hin zu einem abstrakten, interesselosen und erhabenen Etwas, welches sogenannte ‚ästhetische’ Qualitäten besitzt. Kunstwerke dienen der Reinigung des Rezipienten, die Museumskultur für Malerei entsteht und verleiht ‚Kunst’ einen exklusiven Charakter.
Heute beschmieren Künstler Wannen mit Fett, erklären Stille zu Musik und verpacken und verkaufen ihren eigenen Kot zu Höchstpreisen. Heutige Kunsttheoretiker stehen vor der hoffnungslosen Aufgabe, alle Kunstwerke unter einem allgemeinen Begriff von Kunst zu vereinen. Wir haben nicht vor, im postmodernen Relativismus der Kunstwelt irgendeine Rolle zu spielen. Wir fragen uns viel eher, wie zum Teufel es uns als Spezies gelingt, mit Fernrohren Millionen Lichtjahre entfernte Galaxien zu entdecken und zu analysieren, wir es aber nicht zu schaffen scheinen, uns selbst und unsere Nachbarmenschen nicht ständig zu bekriegen, zu foltern, zu lynchen. Und was zum Teufel wir dann dagegen machen können, dass unsere grausame Spezies sich in den nächsten Tausenden Jahren wie ein Krebsgeschwür ins All ausbreitet. Das wäre mal eine Kunst, diese Frage zu beantworten.

 

C&D: Welche Kunst ist für Euch ausschlaggebend?

Die Kunst, sich selbst, als Körper, als Name, als Gesicht, als vollkommen irrelevant zu begreifen. Nicht das Werk, auch nicht der Künstler als Person spielt irgendeine Rolle. Das Werk obliegt ständiger Veränderung. Luftfeuchtigkeit, atmosphärischer Druck, Temperatur. Ein Musikstück klingt live niemals zweimal gleich. Das Werk vergeht schließlich nach einiger Zeit, wird verschüttet, wird versteigert, wird zu Asche.  Der Künstler sieht sich oft als Quell der Kunst, wandert doch durch seine Hände die schaffende Kraft ins Werk. Sich selbst als den Quell der Schöpfung zu sehen, ist dabei etwas typisch Menschliches. Gerne stehen wir im Rampenlicht, nehmen das Geld, die Blumen, das Lächeln und das Versprechen nach Mehr. Es stimmt, wir agieren als Medium für Ideen, welche wir in individueller Weise zu Papier, zu Film, zu Musik, etc. bringen. Auf diese Weise entsteht in der Welt der Kunstwerke eine unendliche Vielfalt. Nur weil eine Idee durch uns realisiert oder von uns entdeckt wird, sind wir aber nicht der Quell der Idee. Das ist wieder ein typisch menschliches Verständnis von uns Selbst: Isaac Newton ging unter anderem dafür in die Geschichte ein, dass er die Gravitation in einer greifbare mathematische Formel  fasste. Wir Menschen haben ohne zu zögern damit angefangen, Statuen für Newton zu errichten, Straßen, Schulen und Universitäten nach ihm zu benennen, wissenschaftliche Preisgelder in seinem Namen auszurichten. Jedoch – nur weil es Newton als ersten Menschen gelang, die Gravitation in eine Formel zu fassen, hat Newton weder die Gravitation entdeckt, geschweige denn gehört im die Gravitation! Das wäre ja absurd! Die Gravitation hat Millionen Jahre vor Newton existiert, streng genommen hat sie überhaupt nichts mit einer Person namens Newton zu tun, ein Herr namens Isaac Newton war nur zu einer bestimmten Zeit am richtigen Ort und war in der Lage, die Idee der Gravitation in einer mathematische Art und Weise durch sich hindurch zu leiten und zu formulieren. Niemand würde also auf die Idee kommen, Newton wäre der Quell der Gravitation. Der Quell der Gravitation liegt in den Weiten des Universums. Bei Künstlern hingegen machen wir diesen Fehlschluss fast wie selbstverständlich: Ein Künstler malt ein Bild, und der Künstler bezeichnet sich selbst als Ursprung des Bildes. Dabei ist nichts anderes als bei Newton passiert: Eine Idee wurde von einem Künstler realisiert. Eine Idee wanderte durch den Künstler als Medium und fand Gestalt in Form und Materie. Die Idee gab es schon lange vor dem Künstler, und sie wird es auch ewig nach dem Künstler geben. Der Künstler war nur zu einer bestimmten Zeit am richtigen Ort, und eine bestimmte Idee auf eine bestimmte Art und Weise zu realisieren. Das macht den Künstler zwar zum Urheber seines Kunstwerks, aber nicht zum Urheber der Idee. Anstatt die Idee zu würdigen, würdigen wir Menschen dann wieder lieber den Künstler: Benennen wieder Straßen, vergeben Stipendien, kaufen seine Werke zu astronomischen Preisen, etc. Das ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern hat faktisch gar nichts mit der Idee der Kunst zu tun, sondern ausschließlich mit Personenkult. Wir feiern lieber unser Namen, Gesichter und Körper, als die Ideen zu würdigen, die hinter allem stehen. Und davon halten wir selbst als Künstler nichts. Menschen würdigen anstatt der Gravitation lieber Newton. Geht’s noch?! Womöglich ist genau das der Grund, warum wir mit Fernrohren Millionen Lichtjahre entfernte Galaxien zu entdecken, aber uns weiterhin in nächster Nähe abschlachten wie hirnlose Monster. Deswegen setzen wir uns Masken auf. Die Kunst unserer Zeit ist eine ethische Angelegenheit, die den Kern unseres Menschseins nicht nur aufgreift, sondern angreift, attackiert. Wir selbst als Körper, Namen und Gesichter spielen eigentlich keine Rolle.  Wir sind nicht, weil wir Körper haben, sondern weil wir handelnde Individuen sind.  Der Leitsatz unseres neuen Musikvideos zu unserem Song „Nandi“ lautet: We were born nobodies.We will die nobodies.But we are no bodies anyway.

Das liest sich vielleicht ganz witzig, hat aber für unsere Leben radikale Konsequenzen.
Heutige Kunst muss sich diesem Sachverhalt stellen.

 

C&D: Spielen Farben eine Rolle in Eurer Art der künstlerischen Gestaltung?

Bestimmte Ideen lassen sich mit Farben einfacher ausdrücken als mit Tönen. Andere Ideen lassen sich ausschließlich mit Farben ausdrücken. Farben sind daher nicht unnützlich.

 

C&D: Ihr wollt nicht nach Körper/Aussehen beurteilt werden, warum dann die Schönheit auf Eurem Facebook Profil?

Sex sells. Wir können zwar auf Papier lange Reden schwingen und unglaublich klug daherkommen, aber von klugen Sätzen bezahlt sich keine Miete. Idealismus hin oder her, in der Realität müssen wir unsere Kunst für Geld verkaufen, denn ohne Geld machen wir morgen keine Kunst mehr. Punkt. In unserem neuen Musikvideo zu unserem Song „Nandi“ steigt am Ende unsere Bassistin the_twin halbnackt und nass aus einer Regentonne. Da klingelt der Geldbeutel, wir schmunzeln amüsiert und können dann weitermachen, Kunst zu machen.

 

C&D: Sind die modernen Medien eigentlich nicht eher nutzlos für Kunst?

Über die modernen Medien lassen sich Ideen weit effektiver verbreiten als je zuvor. Gäbe es das Internet nicht, hätten uns niemals Konzertveranstalter in Russland und Brasilien gebucht, weil niemand unsere Musik gehört hätte.

 

C&D: Wenn Ihr die Welt neu erschaffen würdet, wie würde diese aussehen?

Genau gleich, nur ohne Leben.

 

C&D: Gebt Ihr Autogramme oder passt das nicht in das Konzept? 

Auch hier müssen wir uns eingestehen, dass wir ein Teil einer Industrie sind, die aktiv mit der Vermarktung von Namen und Gesichtern arbeitet. Wir geben daher selbstverständlich Autogramme, allerdings nur mit unseren Pseudonymen.

 

C&D: Gibt es Fankontakt?

Wir machen Musik mit Menschen für Menschen. Unsere Kunst ist eine ethische Angelegenheit.
Unsere Kunst versucht mit den Grundproblemen des Menschseins umzugehen.  Unsere Kunst wirkt auf rationaler Ebene vielleicht sehr eindrucksvoll, wenn man die Ideen dahinter in einem Interview liest oder uns mit Masken performen sieht. Aber sie wirkt auf emotionaler Ebene umso eindrucksvoller, wenn wir am Ende des Konzerts unsere Masken abnehmen und den Zuschauern erklären, warum wir überhaupt Masken anhaben.

 

C&D: Wie weit geht Euer eigenes geschaffenes Universum?

In Anlehnung an unser Beispiel mit Newton glauben wir nicht, dass wir überhaupt ein Universum ‚geschaffen’ haben. Die Grundideen von Art Against Agony gab es vor uns und wird es auch immer nach uns geben. Wir sind nicht die Urheber dieser Ideen. Wir sind nur Medien für diese Ideen.

 

 

 

C&D: Ist diese Welt eigentlich reif für ein Kunstwerk wie das Eure?

Ist das All reif für eine Spezies wie wir? Können wir wirklich verantworten, dass wir unsere Form des Lebens gar über ganze Galaxien verbreiten? Können wir uns das Ausmaß des Leids überhaupt vorstellen, welches wir anrichten werden? Solange wir noch auf unserer blauen Kugel eingesperrt sind, sollten wir besser unsere technischen Fortschritte nutzen um da noch ein paar grundlegende Dinge am ‚Leben’ zu verändern bevor wir uns im All verbreiten, oder besser gleich den Notschalter aktivieren. Wir sind als Künstler nur hier, um diese Ideen zu verbreiten. Je mehr Menschen wir erreichen, bevor wir sterben, desto besser. Wir schaffen Kunst gegen Leid. (Aha, Art Against Agony.)
C&D: Woraus zieht Ihr Eure Kraft und Energie?
Aus unseren Körpern, die sich an körperlichen Dingen erfreuen. Ein Handschlag, ein Lächeln, ein gutes Review zu unserer Musik, ein Kuss eines attraktiven Menschen, Akte der Zuneigung und der Liebe, Fans, die uns bitten, nicht aufzuhören. Und Geld.
Unser neues Album ‚Shiva Appreciation Society’ gibt es hier zu kaufen:
CD –  www.artagainstagony.bigcartel.com

Download – www.artagainstagony.bandcamp.com

Patreon – www.patreon.com/artagainstagony

 

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