DIE LEGENDE IN DEN STERNEN

Es läuft ziemlich gut für David Crosby: der Mann, der zweimal in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, erlebt gerade einen noch nie da gewesenen Ausbruch an Produktivität und Kreativität. Sky Trails ist sein drittes Album mit eigenem Material innerhalb von vier Jahren und führt die furchtlose Folk Rock-Legende in eine neue Richtung, hin zu einem vollen Band-Sound mit tiefen, gefühlvollen Grooves. „Es ist ganz natürlich für mich”, sagt Crosby, der sich der Herausforderung der veränderten Songstrukturen freudig gestellt hat. „Ich habe mich in dem Bereich immer wohler gefühlt. Da ist Komplexität, Kniffligkeit und Subtilität in der Musik. Das mag ich.”
Der erste Song auf dem Album ist das mitreißende „She’s Got To Be Somewhere”, den Crosby und eine neunköpfige Band vor einiger Zeit in der Tonight Show zum ersten Mal gespielt haben. Der Track hört sich wie eine verloren gegangene Steely Dan-Aufnahme an, komplett mit kräftigen Bläsern, verrückten Gitarren und trällernden Melodien. „Wir haben das nicht bewusst gemacht”, sagt Crosby. „Es zieht uns ganz einfach in die Richtung, in die Donald [Fagen] geht. Ich habe Steely Dan von der ersten Note an geliebt.”
„Wir”, das sind Crosby und die Sky Trails-Musiker, im Kern sind das Saxophonist Steve Tavaglione, Bassist Mai Agan, Drummer Steve DiStanislao, und Crosbys Sohn, der Multi-Instrumentalist James Raymond, der das Album auch produziert hat.
Sky Trails ist der Nachfolger des von der Kritik gefeierten Lighthouse-Albums, das letztes Jahr veröffentlicht wurde und Lob von Organen wie Rolling Stone, Stereogum und NPR Music einheimste, und das wiederum das Nachfolgealbum zum 2014 veröffentlichten Croz war, Crosbys erstem Soloalbum seit 20 Jahren. Obwohl  Crosby viele Songs für Sky Trails schrieb, während er an Lighthouse arbeitete, sind beide doch deutlich unterschiedliche Projekte. „Lighthouse war ganz überlegt und ganz bewusst akustisch”, sagt Crosby. „Sky Trails sollte von Anfang an mit einer kompletten Band aufgenommen werden.”
Crosby fühlte sich durch die brillanten Musiker, mit denen er sich umgeben hat, neu belebt. „Jeder in der Sky Trails-Band ist jünger als ich, also muss ich ein bisschen schneller rudern, um mitzuhalten“, sagt er mit einem Lachen.Seine Freude an der Arbeit mit seinem Sohn James Raymond – der als Kind zur Adoption freigegeben worden war und den Crosby erst traf als dieser 30 war – ist deutlich spürbar. „Die Beziehung, die ich zu meinem Sohn entwickelt habe, ist absolut verblüffend und wundervoll”, sagt er.
Crosby hat vier der zehn Songs auf dem Album mit Raymond zusammen geschrieben. „Er ist wahrscheinlich derjenige, mit dem ich am besten schreiben kann”, sagt Crosby. „Wir schreiben oft via Internet. Ich schicke ihm dann einige hingeworfene Worte, und entweder entwickeln wir den Ansatz weiter, oder ich schicke ihm einen fertigen Text und er sagt dann, ‚lass mich bitte mal sehen, was ich daraus machen kann‘ und schickt mir dann ein Demo mit der Musik, die seiner Meinung nach dazu passt, zurück.” Obwohl er seine Bandkollegen überschwänglich lobt, verdient Crosby als Schreiber oder Co-Autor von acht Songs die Credits für die breit gefächerten, prägnanten Lyrics, die sich mit dem menschlichen Befinden befassen, von unserer Zerbrechlichkeit auf “Here It’s Almost Sunset” bis zu unserer Gier auf dem intensiven “Capitol”.
„Es ist ein Sammelsurium der Gefühle”, sagt er über das Album. „Es gibt so viele verschiedene Dinge, die in so viele verschiedene Richtungen gehen.”Trotz der genannten Unterschiede hält Crosbys sofort erkennbare markante Stimme, manchmal beißend, mal seelenvoll, das Album als verbindliches Statement zu unserer Menschlichkeit bemerkenswert gut zusammen.
In seiner einmaligen sechs Jahrzehnte langen Karriere hat der in Kalifornien geborene Crosby Songs geschaffen, die als unauslöschliche kulturelle Prüfsteine für mehr als drei Generationen dienen, nicht nur als Solo-Künstler, sondern auch als Gründungsmitglied von The Byrds, Mitte der 60er Jahre, von Crosby, Stills & Nash (die 1969 einen Grammy als beste neue Künstler erhielten), und von Crosby, Stills, Nash & Young. Er hat mit Dutzenden Künstlern zusammengearbeitet, einschließlich Joni Mitchell, James Taylor, Pink Floyds David Gilmour, Phil Collins, Elton John, und Carole King.
Der Folk Rock-Pionier, der 2009 in die prestigeträchtige Songwriters Hall of Fame aufgenommen wurde, hat auch immer als unser soziales Gewissen gedient – nicht nur, indem er eloquent über gesellschaftliche Themen in Songs wie  “Almost Cut My Hair” und “Wooden Ships” schrieb, sondern auch, weil er regelmäßig Konzerteinnahmen an entsprechende karitative Organisationen spendet. Sein überragender Einfluss und seine brillante Fähigkeit, den Geist unserer Zeit in seiner Musik festzuhalten, ist immer noch ungeschmälert vorhanden.
Die gute Neuigkeit: auch mit 75 bleibt Crosby engagiert und energiegeladen wie immer – ein Ende ist nicht in Sicht. Die kreativen Schleusen, die sich vor einigen Jahren geöffnet haben, bleiben weiter offen, und Crosby freut sich, dass die Songs weiter aus ihm strömen. Er denkt nicht zu sehr darüber nach, warum die Muse ihn in diesem späten Stadium seiner Karriere noch einmal geküsst hat, sondern bietet als Erklärungsansatz, dass nach dem Ende von C, S & N  „da eine Menge Kreativität aufgestaut war. Es ist, als ob ich in einem dunklen Raum war, und jemand hat dann das Licht angeschaltet”, sagt er. „Ich betrachte das nicht als selbstverständlich, aber es ist einfach toll.“

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