MEHR ALS EIN DRAMA

SHOCKING SHORTS ist jedes Jahr eine Festveranstaltung. So viele, gute Kurzfilme wie auf dem Festival gibt es nirgends. Aber auch die Gewinner überraschen in jedem Jahr aufs Neue. Dieses Jahr war es der Film „Fucking Drama“ von Michael Podogil. Ein bösartig, genial gelungener Short Streifen aus Österreich. Wir unterhielten uns mit Darsteller Manuel Girisch, der eine der tragenden Rollen, aus unserer Sicht sogar eine der Schlüsselrollen, in dem Film inne hat. Aber auch sein neues Projekt verspricht interessant zu werden, wenn auch es kein Horror oder Thriller ist, wobei „Dating“ hat auch seine Thriller-Momente.

Fucking Drama
Nominierter Kurzfilm Shocking Shorts 2018, Regie Michael Podogil

 

Interview: Oliver Williams/Slate Magazine

Fotos: Renate Woltron

 

SLATE: Manuel stelle Dich doch bitte unseren Lesern einmal vor.
Manuel: Manuel Girisch, Schauspieler, Sprecher, Sync-Sprecher.

 

SLATE: Bitte erzähle unseren Lesern etwas über Deinen Werdegang.

Manuel: Ursprünglich war ich im Film-Journalismus tätig. Das war mir zu langweilig. (Sorry, SLATE J ) Und bei einer Viennale, wo ich akkreditiert war, hat Werner Herzog mal zu mir gemeint, ich sollte doch mal selbst spielen. Begonnen hat dann alles mit Kindertheater. Das ehrlichste Theater überhaupt. Kindern kannst du nichts vormachen. Die Durchschauen dich sofort. Ich war ein Bankräuber, der nur Parkbänke stiehlt. Muss sehr glaubwürdig gewesen sein, denn einmal hat mich ein Bub gefragt: „Bist du wirklich so blöd?“

 

SLATE: Schaut man sich Deine Biografie an, dann hast Du alles gemacht, was einen weiter bringt. Wie plant man das am Anfang oder lässt man solche Sachen auf sich zukommen?

Manuel: Es ist schwer in Österreich. Es gibt eine Lobby zu der nur Wenige Zugang bekommen. Die spärlichen Filmförderungen sind offenbar schon vorher untereinander aufgeteilt. Wir haben nie eine bekommen. Allein für die Einreichungen in zehn- oder zwölffacher Kopie zahlst du hunderte von Euros. Das sind verdammt seitenstarke Mappen. Für die Planlisten brauchst du ein Hochschulstudium! Man sitzt tagelang an völlig unnötigen Dingen, die kein Schwein wirklich interessieren, statt sich um das Werk zu kümmern. Dann kommt ein lapidares: „Leider Nein!“ Ich bin Schauspieler, kein Buchhalter! Dieselben 10 Schauspieler bekommen immer alle Rollen. Da reinzukommen ist reine Glückssache. Wird mir wohl nicht mehr vergönnt sein. Das Leidige ist, dass wir auch keine Agenten haben, wie die Kollegen in Amerika, beispielsweise. Oder Kabarettisten hierzulande. Gecastet wird so gut wie nicht. Man bekommt nicht einmal die Chance, weil immer dieselben Kollegen genommen werden. Unsere „Agenturen“ sind hauptsächlich für Werbecastings zuständig. Ich war bei einer, da wusste die Chefin nicht einmal was die imdb ist! Und wenn sie dich nicht vermitteln können, bist natürlich du schuld! Wir haben auch nur ganz wenige CasterInnen, die sich um alles kümmern. Die entscheiden alles. Das ist schade, weil die Weiterentwicklung fehlt. Der wirkliche österreichische Film wird nicht im ORF gezeigt. Er vegetiert im Verborgenen. In so großartigen Kinos wie den Breitenseer Lichtspielen beispielsweise. Die wird’s aber auch in zwei Jahren nicht mehr geben. Da wird die die Chefin, Anna Nitsch-Fitz, das Kino 50 Jahre geleitet haben. Dann geht sie in den wohlverdienten Ruhestand. Wahrscheinlich kommt ein Supermarkt rein.

 

SLATE: Was macht Dir an Deinem vielseitigen Beruf am meisten Spaß?

Manuel: Das Drehschlussbier natürlich! (Lacht) Nein, das Zusammensitzen, das „voneinander ständig lernen“, neue Menschen kennenlernen, Respekt geben und bekommen, mit Menschen spielen, Schauspieler sind ein eigener Haufen. In einer Umfrage in der Bevölkerung ist herausgekommen, dass Ärzte die wichtigste Berufsgruppe stellen. Schauspieler stehen tatsächlich noch unter den Nutten! Aber wenigstens noch über den Wohnungsmaklern! Wenn WIR nicht zusammenhalten, wer hält schon zu uns? Und vergesst auch nicht, dass nur 3 Prozent von uns in Österreich von diesem Beruf leben können! Der Durchschnittsschauspieler ist nicht versichert und hat 5 Jobs am Laufen.

 

SLATE: Welche Rolle schätzt Du von Dir am meisten und warum?
Manuel: Ich schätze alle meine Rollen. Sonst hätte ich sie ja nicht angenommen. Aber am Schönsten für mich war es, Götz von Berlichingen zu geben. Die Kritik an Staat und Kirche ist zeitlos. Und Kritik ist die Aufgabe der Kunst. Der Spiegel, der zur Katharsis des Publikums führt.

 

SLATE: Welche Rolle möchtest Du in diesem Interview am liebsten nicht erwähnen und warum?

Manuel:  Ich mag es nicht, wenn ein Film im Nachhinein im Schnitt ruiniert wird. Das kann schon ein Problem sein. Im Screening denkst du dir noch „ja, super“ und dann wird umgeschnitten, ein anderer Schluss gedreht, die Handlung geht den Bach runter – das finde ich sehr schade. Ist mir schon mehrmals passiert. Aber wenn man irgendwo zusagt, dann scheißt man nie ins eigene Nest, indem man eine Produktion schlecht macht. Das ist für mich ein No-Go! Wer A sagt muss auch rschloch sagen!

 

SLATE: Im Fall von „Fucking Drama“ hätte man locker einen kompletten Spielfilm drehen können. Wäre das auch Deine Meinung?

Manuel: Nein. Kurz, prägnant und mit einer tollen und mutigen Aussage. Michael hatte den richtigen Riecher. Das sieht man ja auch am Erfolg.

 

SLATE: Wie bist Du an die Rolle in „Fucking Drama“ gekommen?

Manuel:  Durch meine Showreels, meine Webpage www.girisch.at, nehme ich an. Oder durch meine imdb-Biografie. Ich bekam einen Anruf, das Drehbuch war geil und ich habe beim Casting offensichtlich entsprochen.

 

SLATE: Was will „Fucking Drama“ ausdrücken und wie wichtig ist Deine Rolle darin?

Manuel: Naja, das ist eigentlich eine Frage an die Regie. Beantwortet wird sie allerdings vom Publikum. Wir sind einfach ein Team. Wie wichtig ist ein einzelner Reifen bei einem Auto? Ohne dass alle drauf sind, fährst du nicht weit! Ich habe schon Schauspieler kennengelernt, die manche Berufe offenbar als minderwertig betrachten. Aber am Set ist jeder wichtig und jeder ein Mensch. Ohne Beleuchter steht der Schauspieler ja im Dunklen. Gegenseitiger Respekt ist mir sehr wichtig! Ich hasse es, wenn mich jemand anschreit. Da gehe ich einfach ruhig weg.

 

SLATE: Haltet Ihr mit dem Film der Gesellschaft den Spiegel vor das Gesicht?

Manuel: Wieder eine Frage an den Regisseur. Hmm. Gegenfrage: Gibt es „DIE Gesellschaft“ überhaupt? Ich würde uns Menschen gerne als Individuen sehen, die selbständig denken und handeln. Vielleicht sehen wir in dem Film auch, dass wir mehr füreinander da sein sollten. Das würde die Mächtigen wohl am meisten ärgern, falls wir mehr Rücksicht aufeinander nehmen würden und mehr Toleranz leben. Dann könnten uns die Medien nicht permanent mit völlig unwichtigen Themen aufeinanderhetzen und die Regierungen müssten endlich die wirklich wichtigen Probleme lösen.

 

SLATE: Renate Woltron ist Deine bessere Hälfte. Mischt man sich da schon mal in ihre Regiearbeit ein, oder sie sich in Deine darstellende Arbeit?

Manuel: Ich bin Diplomschauspieler. Das habe ich studiert. Auch Theaterregie. Von Film verstehe ich nichts. Jedenfalls nichts von hinter der Kamera. Für mich ist das immer noch eine wunderbare Zauberwelt. Und es ist Zauberei, wenn man aus dem Zoo am Set einen guten Film macht. Das ist wahre Kunst. Renate beherrscht das. Jeder gute Regisseur ist für mich ein Zauberer! Jeden Tag gibt es neue Probleme zu lösen. Das ist wirklich eine unheimliche Herausforderung. Es ist ein einziger Kampf. Das Publikum kann sich das nicht vorstellen. Schauspieler werden krank, zugesagte Locations haben plötzlich zu, irgendwer will, dass man das Drehbuch umschreibt, der Akku von irgendwas ist leer, dann dreht man was und die Komparsen haben die Getränke ausgesoffen, was einen Anschlussfehler ergibt… – Dabei als Regisseur nicht wahnsinnig zu werden und den Überblick über den Plot nicht zu verlieren, das bewundere ich immer wieder.

 

SLATE: (Ausgehend von der Situation in Deutschland) Du spielst viel Theater. Findest Du die öffentliche Unterstützung der Regierung ist zu gering und stellt eher eine Behinderung in der kreativen Entfaltung von Theatertreibenden dar?

Manuel: Ja! Es ist die Aufgabe einer demokratisch gewählten Regierung, Kritik an sich selbst zuzulassen und sogar zu fördern. Da liegt Vieles im Argen, weil man Theaterbetriebe eben als kommerzielle Betriebe sieht. So ist es aber nicht. Mit einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung kommt man da nicht weit. Viele Festivals bekommen viel Förderung, produzieren den letzten Dreck und sind ausverkauft, weil die Medien nur darüber berichten. Ein Kellertheater ohne Förderung zeigt vielleicht ein Stück mit Herz, das Menschen bewegen würde, aber keiner geht hin. Das macht mich oft sehr traurig.

 

SLATE: Was ist Deine aktuelle Arbeit.

Manuel: Derzeit drehe ich „Strawberry Moments“ („Erdbeer-Momente“). Der vierte Langspielfilm meiner Frau. Renis letzter Film „Wand vor der Wand“ hatte sich ja für den österreichischen Filmpreis qualifiziert. Wir haben alle Hürden genommen! Wie man hört, werden sie höher. Nun, was sagt uns das über den österreichischen Film? Hören wir deshalb auf? Nein, es ist unser Beruf. Und Beruf kommt von Berufung. Wir können nicht anders. Und als kleiner Trost: Vincent van Gogh hat zu Lebzeiten ein einziges Bild verkauft.

 

SLATE: Bitte erzähle unseren Lesern etwas mehr darüber.

Manuel:  In „Strawberry Moments“ geht es um die schönen Dinge im Leben. Es ist eine Komödie, absolut familientauglich. Einer Redakteurin wird eine Festanstellung in Aussicht gestellt, der Chefredakteur gibt ihr die Aufgabe zuerst eine Reportage zu schreiben. Es soll darum gehen, wie Männer und Frauen so ticken. Ihr bester Freund und sie daten nun Männer und Frauen über eine Datingplattform. Es wird sehr lustig, das kann ich versprechen. Und wir haben ganz tolle SchauspielerInnen dabei. Manche darf ich noch nicht verraten, aber Erwin Leder und Klaus Rott waren wunderbar, Judith Rumpf, Christa Kern, Heide Maria Hager, Ottwald John, Silvana Sansoni, Renate Gippelhauser, Felix Freitag, Raffael Witak – die Liste liest sich schon sehr schön.

 

SLATE: Was wäre Dein momentan größter Wunsch?

Manuel: Weltfrieden? (Lacht) – Nein, ich denke, Gesundheit. Und irgendwann im hohen Alter schmerzlos einzuschlafen. Reisen natürlich und meine Ehe, die kommt an erster Stelle. Eine glückliche Beziehung ist ein wunderbares Geschenk. Und zwanzig Jahre schon eine lange Zeit.

 

Vielen Dank und viel Glück.

 

 

Mehr Infos: www.woltron.net

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