XERXES

Der 62jährige Comiczeichner und Regisseur dürfte zu den einflussreichsten lebenden Künstlern seiner Zunft zählen und hat in den 1980ern und 1990ern die Comicbranche verändert und vitalisiert wie kein Zweiter. Comics wie BATMAN: YEAR ONEDAREDEVIL: BORN AGAIN und die Neo-Noir-Reihe SIN CITY, an deren Verfilmung er auch als Co-Regisseur mit Hand anlag, zählen zu den Standardwerken der Neunten Kunst. Die Essenz seines wuchtigen, kontrastreichen und collageartigen Zeichenstils, der Plotelemente über Form und Verknappung vermittelt, steckt aber in seinem 1998 erschienenen und 2006 von Cross Cult auf Deutsch verlegten Antike-Pomp-Epos‘ 300. In dem ebenfalls erfolgreich verfilmten Sandalen-Pageturner verdichtete Miller die Handlung – die Schlacht bei den Thermopylen, bei der am 11. August 480 v. Chr. dreihundert Spartaner und ihre griechischen Verbündeten einer gewaltigen persischen Armada unter König Xerxes I. gegenüberstanden – auf wenige knappe, zackige Dialoge und bombastische, durchchoreographierte Schlachtentableaus, in denen die spartanischen Krieger beides sein können: ruhmreiche Helden, die für das demokratische Ideal Griechenlands gefallen sind, und faschistoide Männerkultisten mit Todessehnsucht. 
Nachdem Miller sich in den letzten zehn Jahren aus der Comic- und Filmbranche zurückgezogen zu haben schien, erleben wir dieser Tage eine waschechte Miller-enaissance. Von 2015-17 kehrte er mit DK III – THE MASTER RACE in sein DARK KNIGHT-Universum zurück. Für DC entwickelt Miller aktuell eine Superman-Geschichte, die den Charakter an seine Ursprünge führen wird. Und für NETFLIX und den US-Verlagsriesen Simon & Schuster arbeitet er an dem Fantasy-Epos CURSED, das Herbst 2019 als illustrierter Roman und 2020 als NETFLIX-Serie erscheinen wird.
Und – und deswegen schreibe ich Sie an – Frank Miller holt die Sandalen wieder aus der Abstellkammer und setzt mit der Graphic Novel XERXES, die diese Woche auf Deutsch erscheint, seine 300-Erzählung fort. Wobei XERXES keine Fortsetzung im klassischen Sinne ist: während 300 die Ereignisse von wenigen Tagen erzählten, komprimiert Miller in XERXES knapp 130 Jahre Geschichte auf 112 Seiten. Von 499 bis 330 vor Christus erzählt Frank Miller von drei Generationen der persischen Dareios-Dynastie, die sich im ewigen Krieg gegen Griechenland befand. In seinem mal wilden, mal kontemplativen Ritt durch die antike Geschichte lässt Miller seine Leser die legendäre Schlacht um Marathon aus der Sicht der Griechen erleben, nur um wenige Seiten später in die biblische Sage von Prinzessin Esther und die Ursprünge des jüdischen Purim-Festes zu springen, um schließlich vom Aufstieg Alexander des Großen zu berichten, der Xerxes‘ Sohn, Dareios III., bezwang.
Wie 300 ist auch XERXES optische Wucht pur; stets zwischen Comic, Agitprop, Plakatmotiven, Popart und Schlachtengemälde changierend. Und wie 300 ist XERXES kein Historiencomic, sondern ein Fantasie von Geschichte, die unterhalten, anregen und auch verstören will.

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