ANSELM KIEFER

Seine Werke sind oft mehrere Meter hoch und tonnenschwer. Der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer mag die große Geste. Und doch beherrscht er auch die leisen Töne. Zu seinen bekanntesten Werkserien gehören die kopflosen, mit diversen Attributen ausgestatteten Skulpturen „Frauen der Antike“. Eine von ihnen sowie drei weitere Schlüsselwerke Kiefers nimmt die „Digitale Kunsthalle“ von ZDFkultur ab Montag, 15. Februar 2021, in einer neuen Ausstellung in Kooperation mit der Kunsthalle Mannheim unter die Lupe: https://digitalekunsthalle.zdf.de. Dank einer besonders hohen Bildauflösung kann das Publikum die komplexen Strukturen und Oberflächen der Werke realitätsgetreu erleben.

Die digitale Schau über einen der erfolgreichsten deutschen Nachkriegskünstler basiert auf der Sonderausstellung „Anselm Kiefer“, die die Kunsthalle Mannheim sobald wie möglich präsentiert. Bis zum 22. August 2021 werden dort 18 Meisterwerke von Kiefer aus dreißig Schaffensjahren gezeigt. Ein umfangreiches digitales Rahmenprogramm weckt schon vor Eröffnung Neugierde. Vier der Werke, die in Mannheim ausgestellt werden, zeigt ZDFkultur in seinem virtuellen Ausstellungshaus. Neben der Skulptur aus der Reihe „Frauen der Antike“ (2006) können Besucher und Besucherinnen die Installation „Der verlorene Buchstabe“ (2011–2017) sowie die Arbeiten „Jaipur“ (2005) und „Der fruchtbare Halbmond“ (2010) entdecken – und dabei einen inspirierenden Streifzug durch Kiefers vielschichtiges Œuvre unternehmen. Ergänzt wird die Präsentation um eigens produzierte Videoclips mit Erläuterungen zu den ausgestellten Werken von Johan Holten, dem Direktor der Kunsthalle Mannheim, und Sebastian Baden, dem Kurator der dortigen Schau. Ein Zeitrafferfilm vermittelt einen Einblick, welchen Kraftakt es bedeutet, die monumentalen Arbeiten des Künstlers im Museum aufzubauen.

Anselm Kiefers Skulpturen und Gemälde entstehen in aufwendigen Arbeitsprozessen und werden zudem häufig den Kräften der Natur ausgesetzt, Wind, Wasser, Feuer, mitunter sogar elektrolytischen Verfahren. Große Bekanntheit erlangte der Künstler, weil er die Tabus der deutschen Nachkriegszeit offensiv anging. 1980 vertrat er – zusammen mit Georg Baselitz – die Bundesrepublik Deutschland auf der Biennale in Venedig, mehrfach nahm er an der documenta in Kassel teil. Seit seinem Umzug nach Frankreich im Jahr 1993 widmet er sich verstärkt der Verbindung von jüdischer und christlicher Religion, Mythen und mystischen Lehren der Weltkulturen sowie der Erinnerungskultur.

Die Frauen der Antike entstanden seit Mitte der 1990er-Jahre. In dieser Werkserie lässt Kiefer bedeutende Protagonistinnen der Weltgeschichte, deren Leben und Werke oft nur durch die Überlieferung männlicher Geschichtsschreiber bekannt sind, auferstehen. So erinnert die Skulptur in der „Digitalen Kunsthalle“ an die griechische Dichterin Sappho, eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der Antike, die zwischen 630 und 612 v. Chr. geboren wurde und um 570 v. Chr. starb. Kiefer zeigt sie als überlebensgroße weiße Statue aus Kunstharz und Gips, auf deren Rumpf anstelle eines Kopfes gestapelte Bleibücher ruhen. Für den Künstler ist sie nicht nur Individuum, sondern auch „ein Denkmal für all die unbekannten Dichterinnen“, wie er einmal in einem Interview sagte. Rund 1,5 Tonnen wiegen allein die sieben Bleifolianten der 2,60 Meter großen Skulptur.

Bleierne Bücher finden sich auch in der Installation Der verlorene Buchstabe: Unwirklich ragen in dieser raumgreifenden Arbeit aus einer großen Druckmaschine (Heidelberger Tiegel) getrocknete Sonnenblumen heraus, deren Samen zusammen mit losen Holzbuchstaben und den Büchern auf dem Boden verstreut liegen. Beim Hochdruckverfahren werden eingefärbte Lettern in Platten gesetzt und auf ein Medium wie Zeitungspapier gedruckt. Die verlorenen Buchstaben, die sich um Kiefers Skulptur verteilen, zeugen vom Wandel in der Mediengeschichte und dem Übergang zu modernen Digitaldruckprozessen. Kiefer beschreibt in einem Interview das besondere sensorische Erlebnis früherer Druckerzeugnisse: „Die durch die Tiegel eingepressten Buchstaben sind mit den Fingern ertastbar und stellen somit auch ein sinnliches Erlebnis beim Lesen von Büchern dar. In der Gegenwart ist nicht nur die Haptik der Buchdruckerkunst vergessen. Mit dem Übergang zu den digitalen Medien verlieren selbst die Bücher an Bedeutung für künftige Generationen.“

Das Spiel mit Trümmern bildet für den 1945 geborenen Kiefer eine wichtige Grundlage seiner Arbeit. Auf dem Bild Der fruchtbare Halbmond steht dem Betrachter die Geschichte vom Turmbau zu Babel vor Augen. Am unteren Rand der Darstellung, die die Ruine eines gestuften Turms zeigt, liegen zahlreiche Ziegel. Sie sind bezeichnet mit Namen wie Persepolis, Petra, Akkad und Jericho, wichtigen Städten in der Region der frühzeitlichen Gebiete Ägyptens, Phöniziens, Assyriens und Mesopotamiens. Diese Region gilt als Ursprung der neolithischen Revolution, des Übergangs vom Nomadenleben zu Ackerbau und Viehzucht. Bereits 1916 wurde das sichelförmige Gebiet deshalb vom amerikanischen Ägyptologen James H. Breasted als fruchtbarer Halbmond bezeichnet. Breasted wies außerdem nach, dass Teile des Alten Testaments aus altägyptischen Texten übernommen wurden, so auch die Erzählung vom Turmbau zu Babel.

Der Werktitel Jaipur ist von der Hauptstadt der indischen Region Rajasthan inspiriert, wo einst eine der ersten Sternwarten der Neuzeit gebaut wurde. Die Sonnenuhr stellt in „Jaipur“ das Zentrum dieser Warte dar und führt mit ihrer langen Treppe hinauf in ein weit verzweigtes Sternenbild am Himmel. Die neben den Sternen verzeichneten Zahlenreihen basieren auf von der NASA vergebenen Codes zur Bezeichnung von Sternen und Planeten. Diese Codes sowie die Sterne sind wiederkehrende Motive in Kiefers Werk. Seine Faszination für Kosmologie geht zurück auf die Lehren des britischen Philosophen Robert Fludd. Dieser postulierte, dass jeder Pflanze auf der Erde ein Stern im Universum zugeordnet sei und somit eine Analogie zwischen Mikro- und Makrokosmos bestünde.

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