SCHEINHEILIG

Der Social-Media-Gigant Instagram hat beschlossen, seine Richtlinien zum Thema Nacktheit zu lockern. Nach heftiger Kritik wegen der Scheinheiligkeit des Unternehmens in Bezug auf weibliche Körper wird die Facebook-Tochter teilweise entblößte weibliche Brüste nicht mehr zensieren. Eine ungewollt alberne Reaktion auf ein weitreichenderes Problem.

Instagram kündigte eine Änderung seiner Politik bezüglich Nacktdarstellungen an. Die Änderung erfolgte, nachdem das Unternehmen heftig kritisiert wurde, weil es von der Darstellung und Inszenierung weiblicher Körper und von Erotik profitiert, während es scheinbar willkürlich ein striktes Verbot von Inhalten für Erwachsene aufrechterhält, was dazu führt, dass viele Konten ohne Vorwarnung gesperrt oder mit Shadowbans belegt werden, was die Sichtbarkeit der Accounts und ihrer Inhalte massiv beeinträchtigt.

Das britische Übergrößen-Model Nyome Nicholas-Williams führte mehrere Wochen lang eine Kampagne gegen Instagram. Sie beschuldigte den Social Media-Giganten, Bilder entfernt zu haben, auf denen sie ihre Brüste mit ihren Armen bedeckte. Sie behauptete, dass diese Entfernungen aufgrund einer rassistischen Voreingenommenheit im Algorithmus von Instagram vorgenommen worden seien.

Doch anstatt das Thema ernsthafter anzugehen, beschloss Instagram nun, auf Zehenspitzen um das Problem herumzutanzen. Die neue Richtlinie zum Thema Nacktheit entlarvt unbeabsichtigterweise Instagrams lächerliche Heuchelei in Bezug auf Inhalte für Erwachsene, Körperbilder und Meinungsfreiheit. Von nun an erlaubt das Unternehmen ­»Bilder von Frauen, die ihre Arme um ihre Brüste halten, umschließen oder umschlingen«. Wie gnädig! Die Götter von Silicon Valley erlauben es Frauen, ihre Titten zu berühren. Was für eine fortschrittliche Haltung. Weder die implizite rassistische Voreingenommenheit noch die Zensur des Erwachsenenlebens sind durch diese betrübliche und unsinnige Maßnahme angesprochen worden.

Das sagte ein Sprecher des Unternehmens in lupenreinen Konzern-PR-Sprech: »Es mag einige Zeit dauern, um sicherzustellen, dass wir diese neuen Aktualisierungen korrekt durchsetzen, aber wir sind entschlossen, es richtig zu machen. Das Feedback von Nicholas-Williams hat uns geholfen, zu verstehen, wo diese Richtlinie versagt und wie wir sie verfeinern können.«

Zumindest einige der Änderungen scheinen darauf zurückzuführen zu sein, dass man einen Teil des Problems verstanden hat. Laut der Presseagentur Reuters entschuldigte sich Instagram »letzten Monat bei Nicholas-Williams und sagte, es werde seine Politik angesichts der weltweiten Besorgnis über impliziten Rassismus in Technologien nach den weltweiten Black Lives Matter-Protesten in diesem Jahr aktualisieren«.

Der CEO von Instagram, Adam Mosseri, traf sich offenbar mit einigen seiner vehementesten Kritiker und entschied, dass es an der Zeit sei, die Politik des Unternehmens zu ändern. Die feministische Aktivistin Gina Martin sagte gegenüber Reuters, dass Mosseri offen war, sich mit ihr zu treffen und sie anzuhören. Sie sagte: »Es ist selten, dass Gemeinschaften, die auf Instagram marginalisiert und falsch repräsentiert werden, diese Art von buchstäblich direkter und persönlichem Konsultationsgespräch mit dem CEO eines Konzerns erhalten. Es kommt selten vor, dass man in eine solche Änderung der Richtlinien involviert wird.«

Während also einige der Kritiker mit der Reaktion von Instagram zufrieden zu sein scheinen und während das Unternehmen sensibel und lernwillig zu sein scheint, wenn es um rassistische Voreingenommenheit geht, scheint es immer noch sehr zögerlich zu sein, seine Heuchelei in Bezug auf Nacktheit und Körperbilder zu verstehen. Sexarbeiterinnen und Erotikdarstellerinnen sind nach wie vor der vagen und willkürlichen Politik des Unternehmens ausgeliefert und immer noch gefährdet, mit sogenannten Shadowbans oder Sperrungen konfrontiert werden.

Vorerst haben Frauen jedoch das Recht gewonnen, ihre eigenen Brüste bei Instagram festzuhalten. Was für eine Erleichterung!

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