LIVING ROOM

(WOHN-)ZIMMER
Jana Sophia Nolles »Living Room« ist eine konzeptuelle fotografische Studie temporärer Obdachslosenbehausungen, die sie in verschiedenen Wohnungen in San Francisco nachgebaut hat. Nolle arbeitete eng mit den wohnungslosen Menschen zusammen, baute ihre Zufluchtsorte in Wohnzimmern wohlhabender Personen nach und fotografierte sie dort. Wenngleich Nolle ein hochästhetisches »Inventar, eine Typologie dieser improvisierten Unterkünfte mit all ihren Eigenschaften« erarbeitete, stellen sich ihre Fotografien dem drängenden soziopolitischen Zwiespalt zwischen sorglosem Leben und Leben in Sorge.

Als die Fotografin Jana Sophia Nolle (*1986) nach San Francisco kam, war sie schockiert über die enorme Obdachlosenzahl der Metropole. Nolle sah – unmittelbar neben teuren Townhäusern und Villen – unzählige, behelfsmäßige Hütten aus Planen und Kisten.

Trotz der bedrückenden Zustände war die gebürtige Kasselerin fasziniert von den Konstruktionen, mit denen die Obdachlosen versuchten sich und ihre Sachen zu schützen, die viel von ihren Besitzern erzählten: Manche waren kompliziert oder zerbrechlich und andere wiederum glichen nomadischen Fahrzeugen, die den Eindruck konstanter Bewegung vermittelten.

Nolle entschied diese beiden Seiten San Franciscos künstlerisch zusammenzubringen. Sie sprach Obdachlose an, ob sie deren Hütten in den Wohnzimmern reicher Leute nachbauen dürfe – und sie durfte. Schwieriger war die andere Seite: Nolle musste zahlreiche Briefe verschicken und erbat Unterstützung bei einheimischen Freunden, bis sie letztlich 15 Zusagen von wohlhabenden Familien bekam, die bereit waren die Fotografin in ihr Wohnzimmer zu lassen.

Kennengelernt haben sich die jeweiligen Obdachlosen und die Hausbesitzer übrigens nicht – aber bereits der Aufbau der Behausungen in den Wohnzimmern sei ein performativer Akt gewesen, der einige Hausbesitzer angeregt habe, sich nach den Hüttenbesitzern zu erkundigen oder Geld an soziale Einrichtungen zu spenden.

Interessant war darüber hinaus die Tatsache, dass Nolle nur bei Menschen fotografieren durfte, »die ihr Vermögen schon vor 30 Jahren gemacht haben«, die Türen der neureichen »Techies«, wie die Mitarbeiter von Google, Facebook oder Amazon genannt werden, blieben für das Projekt der Künstlerin verschlossen.

Die aufwendigen Rekonstruktionen der Behausungen sind eine Bestandsaufnahme, eine Typologie in Farbfotografien, losgelöst von ihrer Ursprungsumgebung. Eine intensive Dokumentation des Projekts ist ab Ende Juli 2020 mit der Publikation »Living Room« erhältlich. Das hochwertige Künstlerbuch verfügt über einen halbleinen Einband und ist aufwendig geprägt.

Die Gestaltung ist von Sven Lindhort-Emme, der mit »Overtrump« in Kürze auch eine eigene Publikation bei KERBER veröffentlicht. Ein begleitender Essay von Aaron Schuman ordnet »Living Room« ein. Ergänzend sind Texte der Obdachlosen und der »Bittbrief« von Jana Sophia Nolle an die Hauseigentümer beigefügt.

Aktuell sucht Nolle in Berlin nach exklusivem Wohnraum, um ihr Projekt in der deutschen Hauptstadt fortzuführen.

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