SIMULATION und mehr

DIE REALITÄT DER SIMULATION
Julia Steinigeweg beschäftigt sich mit der zukünftigen Ununterscheidbarkeit von Realität und Simulation. Ihre Fotografien sind dystopische Inszenierungen futuristisch anmutender Szenen und Augenblicke in Singapur. Erst bei genauem Hinsehen offenbaren sie ihre Fiktionalität: eine Schlange aus Holz, das Firmament aus LEDs oder die Roboter-Doppelgängerin ihrer Schöpferin Nadia Magnenat-Thalmann – alles Meisterwerke der Täuschung. Ergänzt um Gesprächsauszüge mit einer das Sprachverhalten des Gegenübers imitierenden App lässt Steinigeweg die klaren Grenzen der Wirklichkeitsebenen verschwimmen.

Julia Steinigeweg (*1987) hat sich in Singapur in die Grenzgebiete zwischen Realem und Fiktionalem, zwischen Echtem und der Täuschung begeben. Ihre Arbeiten zeigen die zukünftige Ununterscheidbarkeit von tatsächlicher und simulierter Realität.

»In Singapur angekommen finde ich mich in Szenerien wieder, die mir entrückt erscheinen. Alle alltäglichen Abläufe wirken, als seien sie exakt geplant worden. Ich merke bald: In diesem Staat gibt es kaum Platz für Zufälle, denn er stemmt sich vehement gegen alles, das nicht kalkuliert werden kann,« so Steinigeweg. »Die Simulation bahnt sich als eigenständige Kraft einen Weg aus der Peripherie ins Zentrum der Lebenswelt der Bevölkerung. Das Prinzip von Realität wird durch die perfekte Simulation in Frage gestellt.«

Diese neue Form von Wirklichkeit steht im Mittelpunkt von Steinigewegs Fotografien. Ihre Arbeiten zeigen dystopische Inszenierungen von Orten, Menschen und Augenblicken im Stadtstaat Singapur. So sind etwa eine Holzschlange, ein Himmel aus LED-Lichtern oder das hyperrealistische Roboter-Double der Professorin Nadia Magnenat-Thalmann Meisterwerke der Täuschung, die erst auf den zweiten Blick ihre Fiktionalität offenbaren.

Eine besonders eindrückliche Erfahrung inspirierte Steinigeweg zu dem Titel »I think I saw her blink«:

»Nach dem Fotografieren des Roboters habe ich meine Kamera zusammengepackt und die Bilder noch mal angeschaut. Der Roboter schaltete sich auf Standby. Doch dann sah ich aus dem Augenwinkel, wie er nochmal gezwinkert hat. Das war seltsam, denn niemand stand vor ihm, und trotzdem blinzelte er. Das ist ein klassisches Science-Fiction-Klischee: Was passiert, wenn der Roboter ein Eigenleben entwickelt?«

Steinigeweg hinterfragt gekonnt wie technische Neuerungen unsere Sinne modifizieren und unser zwischenmenschliches Verhalten beeinflussen. Sie interessiert sich für das alltägliche Zusammenleben von Menschen und inwiefern sich unsere heutige Lebensweise von der in der (nahen) Zukunft unterscheiden wird. 

Einige ihrer Fotografien wirken sehr konstruiert, andere wie Momentaufnahmen, viele bleiben betont rätselhaft. Allen Motiven wohnt etwas Unbeseeltes inne: Ein schwarzes, quadratisches Loch in einem Seerosenteich erinnert an Malewitschs schwarzes Quadrat oder an den schwarzen Monolithen in Stanley Kubricks »2001 Odyssee im Weltraum«. Die täuschend echte Roboterhand lässt den Blick in ihr mechanisches Inneres zu und lässt erahnen: Die Zukunft besteht aus Silikon, Kabeln und Schaltkreisen.

Neben der bildlichen Ebene lässt Steinigeweg auch Sprache in ihr Gesamtwerk einfließen: Eine Chatbot-App dient ihr in Singapur als Reisebegleitung und Ansprechpartner. Der Dialog mit der künstlichen Intelligenz ermöglicht der Fotografin eine interdisziplinäre Annäherung unter Einbezug aller Sinne. Die Textauszüge werden in der Arbeit ohne einleitende Worte oder gattungsdefinierende Bezeichnungen präsentiert. Erst am Ende der Arbeit wird die Illusion, dass der Betrachter eine Konversation zwischen zwei real existierenden Menschen gelesen hat, gebrochen:

»Who am I talking to?«
»I‘m an AI searching for truth in this world of words.«

 
 

Julia Steinigeweg | I think I saw her blink

ISBN 978-3-7356-0659-4
24 × 26,8 cm
68 Seiten
21 farbige Abbildungen
Hardcover
Sprachen: Deutsch, Englisch

Texte von
Jan Decker, Julia von Lucadou, Julia Steinigeweg

Gestaltung von
Johann Zambryski

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close